Ein Deal fast zu gut, um wahr zu sein
Kim Berenice GeserBisher hat die Oase Gruppe all ihre Standorte selbst gebaut. Ein bestehender Betrieb wurde noch nie übernommen – obwohl Sie immer wieder Anfragen erhalten. Was hat Steinach, was die anderen nicht haben?
Nathalie Küffer: Als ich den Gartenhof in Steinach das erste Mal betreten habe, hat sich bei mir sofort das Gefühl eingestellt, dass das hier bereits eine Oase ist. Ich habe glückliche Bewohnende angetroffen und Menschen, die eine ähnliche Kultur leben wie wir, dazu ein modernes Haus mit familiärer Grösse. Das alles entspricht schon sehr stark unserer Philosophie von einem modernen und lebendigen Wohnen im Alter. Und es ist richtig, dass wir bisher noch kein bestehendes Haus übernommen haben. In Churwalden konnten wir aber erfolgreich zeigen, dass wir eine bestehende Institution mit allen Bewohnenden und dem gesamten Team in einen Neubau überführen können. Dabei ist es uns gelungen, die Unternehmenskultur der Oase zu etablieren und die bestehenden Prozesse erfolgreich zu übernehmen.
Der Betrieb des Gartenhofs ist bekanntermassen defizitär. Warum hat sich die Oase Gruppe dennoch entschieden, eine Partnerschaft mit der Gemeinde Steinach einzugehen?
Ich habe selbst 13 Jahre in einem öffentlich rechtlichen Pflegeheim in der Führung als Pflegedienstleitung gearbeitet. Ich weiss deshalb, welche Herausforderungen zu meistern sind, wenn eine Gemeinde einen Pflegebetrieb führt. In der Oase Gruppe haben wir ganz andere Ressourcen, auf die wir zurückgreifen können, um das Defizit zu reduzieren.
Wie gedenken Sie das umzusetzen?
Indem Prozesse weiter optimiert und, wo möglich, automatisiert werden. Das beginnt bei der Dokumentation gegenüber den Krankenkassen und einer korrekten, nachvollziehbaren Abrechnung in den verschiedenen Pflegestufen, geht über die Aus- und Weiterbildung bis hin zum Personalmanagement und dem Einsatz der richtigen Mitarbeitenden am richtigen Ort. Wir haben dazu die Möglichkeit einige Themen, wie zum Beispiel den Einkauf, zentral zu steuern, was uns bessere Konditionen ermöglicht. Und natürlich streben wir eine Vollauslastung des Gartenhofs an. Wobei ich sagen muss, dass der Betrieb hier schon sehr gut unterwegs ist.
Auch im Bereich der Prozessoptimierung hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Dennoch klingt es, als sei der Gartenhof bisher ineffizient gewesen ...
Ich würde nie behaupten, der Gartenhof sei ineffizient. Das kann ich aus der Distanz nicht beurteilen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir über Fachexpertise, einheitliche Prozesse und deren laufende Überprüfung verfügen. Damit ermöglichen wir eine gute Begleitung und eine korrekte Abrechnung gegenüber den Krankenkassen, ohne Rückstufungen. Wir sind technologisch weit: Wir entwickeln Bots für die Pflegedokumentation, damit unsere Mitarbeitenden mehr Zeit bei den Bewohnerinnen und Bewohnern verbringen können. Dadurch arbeiten wir effizienter. Und wir haben interne Personal-Pools aufgebaut. Mitarbeitende mit einem tiefen Pensum können sich dafür melden. Wenn jemand ausfällt, greifen wir möglichst auf diesen Pool zurück, statt kostenintensives Temporärpersonal einzusetzen. Es handelt sich gewissermassen um interne Springerinnen und Springer. Wer einspringt, erhält dafür auch eine etwas höhere Entschädigung.
«Der Fokus der Oase Gruppe liegt immer bei den Bewohnenden und den Seniorinnen und Senioren – nicht darauf, das Unternehmen irgendwie zu vergrössern oder viel Geld zu verdienen. Wir verfolgen einen sozialen Gedanken.»
Es besteht für die Oase Gruppe also kein finanzielles Risiko in der Übernahme des Gartenhofs?
Selbstverständlich haben wir die Zahlen genau analysiert, bevor wir einen so grossen Entscheid fällten. Wir führen heute neun Standorte erfolgreich. Wir erzielen keinen riesigen Gewinn, können sie aber selbsttragend führen und Rückstellungen für künftige Investitionen bilden. Am Ende des Tages haben wir in jedem Betrieb ein finanzielles Risiko. Aus heutiger Sicht und auf Basis der aktuellen Informationslage stufen wir dieses Risiko im Gartenhof als gering ein.
Sie planen nicht, die Tarife nach Ablauf des ersten Betriebsjahres zu erhöhen und Stellen zu streichen?
Ich kann Ihnen versichern: Wir können nicht einfach nach Belieben Stellen abbauen. Im Gesundheitswesen gelten klare Vorgaben und Richtstellenpläne, die wir erfüllen müssen. Ganz abgesehen davon brauchen wir diese Mitarbeitenden. Auch die Taxen im Kanton und in der Gemeinde können wir nicht frei bestimmen. Diesbezüglich ist sehr viel reguliert. Unsere Taxen liegen grundsätzlich im unteren Bereich. Fast alle Pflegezimmer an unseren Standorten – abgesehen von einigen wenigen grossen Pflegestudios – bewegen sich innerhalb der Grenze der Ergänzungsleistungen. Wir orientieren uns an den kantonalen Vorgaben. Damit wollen wir gewährleisten, dass sich alle Menschen einen Platz leisten können. Die anrechenbaren Leistungen und Grenzen werden vom Kanton festgelegt, und wir richten uns danach.
Die Oase Gruppe ist ein Privatunternehmen und auf Rendite angewiesen. Gleichzeitig sind Sie vertraglich verpflichtet, die Steinacher Bevölkerung bei der Aufnahme zu priorisieren. Wie priorisieren Sie, wenn sich eine auswärtige Person mit hohem und eine einheimische mit geringerem Pflegebedarf anmeldet? – Im Wissen, dass eine höhere Pflegestufe für den Betrieb finanziell lukrativer ist.
Wir haben vertraglich geregelt, dass Steinacherinnen und Steinacher bevorzugt werden, wenn sie sich anmelden und einen Pflegeplatz benötigen. Aufgabe der Leitung ist es, gemeinsam mit den Betroffenen zu prüfen, ob tatsächlich ein Pflegezimmer notwendig ist, ob ein anderes Angebot besser passt oder ob mit Unterstützung der Spitex eine gute Lösung zu Hause möglich ist. Wir fühlen uns dafür verantwortlich, Menschen zu beraten und die beste Möglichkeit zu finden. Der Fokus der Oase Gruppe liegt immer bei den Bewohnenden und den Seniorinnen und Senioren – nicht darauf, das Unternehmen irgendwie zu vergrössern oder viel Geld zu verdienen. Wir verfolgen einen sozialen Gedanken.
Wer ist die Oase Service AG?
Die Oase Service AG ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Oase Gruppe. Ihr Zweck ist die übergeordnete Verantwortung für die Organisation und Führung aller Oase-Betriebe. Die Oase Gruppe ist ein Schweizer Unternehmen, das verschiedenste Wohnkonzepte im Bereich Wohnen im Alter betreibt. An aktuell neun Standorten werden heute 236 Pflegeplätze und 297 Seniorenwohnungen betreut. Die Gruppe beschäftigt 500 Mitarbeitende, circa zwölf davon arbeiten im Service Center in Dübendorf, wo die betriebsübergreifenden Arbeitsprozesse und das Qualitätsmanagement zentralisiert sind. Hauptaktionärin der Gruppe ist Eva-Maria Bucher-
Haefner. Die Amag-Erbin hält 33 Prozent der Aktien. Die übrigen Anteile sind gemäss Angaben der Geschäftsleitung auf verschiedene Schweizer Familien verteilt.
Die Oase Gruppe übernimmt alle Mitarbeitenden des Gartenhofs. Wie stellen Sie sicher, dass das Oase-Konzept in Steinach umgesetzt wird?
Wir stellen ihnen eine Eröffnungsgruppe aus erfahrenen Mitarbeitenden verschiedener Häuser zur Seite, die bei allen Fragen und Themen – etwa bei Abrechnungsfragen – unterstützt. Es ist auf keinen Fall das Ziel, mit einer grossen Gruppe anzurücken und das bestehende Personal zu ersetzen. Mein Wunsch ist, dass möglichst viele Mitarbeitende des Gartenhofs gemeinsam mit uns diesen Weg gehen. Die Mitarbeitende der Oase stehen den Mitarbeitenden des Gartenhofs quasi in einer «Götti-Funktion» zur Seite. So können wir die Prozesse Schritt für Schritt gemeinsam gestalten und vereinheitlichen.
Das Steinacher Personal wird also nicht schleichend durch Mitarbeitende der Oase Gruppe ersetzt?
Nein. Wir freuen uns darauf, bestehende Mitarbeitende an die Oase-Philosophie heranzuführen und mit ihnen den Steinacher Standort zu einem Oase-Steinach-Standort zu formen. Bei personellen Engpässen können wir zur Überbrückung auf unseren internen Pool zurückgreifen. Ausserdem haben wir kleine Expertengruppen, die standortübergreifend begleiten. Im Pflege-Expertenboard gibt es beispielsweise Fachpersonen für Demenz, für Menschen mit Hirnverletzungen sowie für intensive Pflege. Wenn an einem Ort Schwierigkeiten entstehen oder bei einem Eintritt unklar ist, ob wir die Situation bewältigen können, unterstützen sie die verschiedenen Standorte. Sie sind jedoch ausdrücklich nicht als Ersatz für die bestehenden Mitarbeitenden gedacht. Die Mitarbeitenden, die heute im Gartenhof arbeiten, sollen die Oase auch weiterhin tatkräftig unterstützen.
Mit der Übernahme per 1. April 2027 ist vereinbart, dass Löhne, Ferienanspruch, Beschäftigungsgrad und Dienstalter der Mitarbeitenden für ein Jahr gesichert sind. Was geschieht danach?
Ich hoffe, dass die Mitarbeitenden auch nach einem Jahr bei uns bleiben. Danach werden die Löhne im Rahmen der üblichen Lohnentwicklung angepasst; sie werden nicht gekürzt. Wir haben unsere eigenen Lohnbänder. Diese liegen sehr nahe bei den Lohnbändern des Gartenhofs in Steinach. Es sind deshalb keine grossen Veränderungen zu erwarten.
Die Oase Gruppe bietet ihren Angestellten gemäss Gemeindepräsident Michael Aebisegger mehr Ferien und höhere Dienstaltersentschädigungen. Wie sieht es bei der Altersvorsorge aus: Kann die Pensionskasse der Gruppe mit jener der Gemeinde Steinach mithalten?
Die Oase Gruppe hat bereits heute für ihre Mitarbeitenden mit der Vita Sammelstiftung eine gute Pensionskasse. Wir haben aber den bevorstehenden Übergang zum Anlass genommen, die Lösung nochmals zu überprüfen. Die Prüfung läuft derzeit. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich daraus eine bessere Situation für alle Mitarbeitenden ergibt.
Welche baulichen Massnahmen oder andere Veränderungen sind zukünftig im Gartenhof vorgesehen?
Es ist geplant, den Gartenhof so zu übernehmen, wie er ist, und weder das Gebäude noch das Angebot zu verändern. Auch das haben wir vertraglich geregelt. Kleinere Anpassungen wird es nur bei der Beschriftung geben, um sichtbar zu machen, dass der Betrieb von der Oase Gruppe geführt wird.
«Zu gut, um wahr zu sein.» Das war der O-Ton an der Infoveranstaltung Anfang Oktober, als Sie die Oase Gruppe präsentierten. Eine Bürgerin brachte jedoch den Einwand, dass der Pflegealltag geprägt ist von Personal- und Fachkräftemangel, Springereinsätzen, Krankheit und Unfällen. Zum Schluss deshalb die Frage: Wie sieht die Realität in den Oase-Betrieben aus?
Natürlich haben auch wir Mitarbeitende, die krank werden oder wegen eines Unfalls ausfallen. Das ist unvermeidlich. Deshalb haben wir den Personal-Pool aufgebaut. Damit können wir vieles auffangen. Aber selbstverständlich bewahrt uns das nicht vor Personalausfällen. Ich freue mich über jedes «Oase-Baby», das zur Welt kommt – zugleich bedeutet dies, dass wir Mutterschaftsurlaube organisieren müssen. Auch bei uns gibt es Krisen in Pflegeteams. Wir haben einen ganz normalen Pflegealltag zu bewältigen, und dieser ist herausfordernd. Aber durch kontinuierliche Prozessoptimierungen und bewährte Konzepte schaffen wir eine solide Grundlage für einen erfolgreichen Pflegealltag.
Was bedeutet eine Partnerschaft mit der Oase Gruppe für die Gemeinde Steinach?
Gemäss Gemeindepräsident Michael Aebisegger zieht sich die Gemeinde mit der Oase-Lösung nicht aus der Altersversorgung zurück, sie ändert lediglich ihre Rolle: «Von der direkten Betriebsführung gehen wir zurück in die Rolle als Eigentümerin und Auftraggeberin.» Dies nicht, wie er sagt, weil der Gartenhof schlecht funktioniere, sondern weil eine Pflegeinstitution «langfristig professionell, wirtschaftlich und risikoarm geführt werden soll». Mit der Oase als neue Betreiberin bleiben Grundstück und Liegenschaft im Eigentum der Gemeinde. Die 64 Pflegeplätze bleiben erhalten, ebenso die geschützte Demenzabteilung. Steinacherinnen und Steinacher haben weiterhin Vorrang bei der Aufnahme, die Pflege ist bis zum Lebensende gewährleistet.
Neu Einnahmen statt Ausgaben
Die Gemeinde bleibt Aufsichtsbehörde und behält über Leistungsvereinbarung, Heimreglement, Mietvertrag und ihre Aufsichtsfunktion wesentliche Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten. Derweil verschwindet das jährliche Gartenhof-Defizit aus den Gemeindebüchern. Stattdessen fliessen neu Mieteinnahmen von jährlich 950’000 Franken (750’000 Franken im ersten Betriebsjahr) rein. Damit können gemäss Gemeinde Abschreibungen, Zinsen und Unterhalt für die Liegenschaften langfristig gedeckt werden. Der Vertrag ist auf zehn Jahre festgelegt und verlängert sich danach automatisch jeweils um fünf weitere Jahre. Bei Nicht- oder schlechter Erfüllung kann der Vertrag innert 24 Monaten gekündigt werden. Das gäbe der Gemeinde genug Zeit, um eine Nachfolge aufzugleisen.
Worüber stimmt Steinach ab?
Um die Oase Service AG als neue Betreiberin des Lebensraums Gartenhof einzusetzen, muss die Gemeindeordnung angepasst werden. Dies muss die Stimmbevölkerung genehmigen. Die ausserordentliche Gemeindeversammlung hierzu findet am Donnerstag, 29. Oktober, statt. An derselben Versammlung wird auch über die Verkleinerung des Gemeinderates abgestimmt, denn: Mit der Übertragung der operativen Verantwortung für den Gartenhof entfällt eine wesentliche Aufgabe des Gemeinderates, weshalb dieser ab der Amtsdauer 2029–2032 von heute sieben auf fünf Mitglieder reduziert werden soll. Der Zeitpunkt ist deshalb so gewählt, weil 2029 die Gesamterneuerungswahlen stattfinden. Bis dahin sind die heutigen Gemeinderatsmitglieder gewählt.