zum Inhalt springen

·

Zur Artikelübersicht

Am anderen Ende der Schweiz

Morgen beginnen die Sommerferien. Wer Arbons Partnergemeinde im Oberwallis noch nicht kennt, hat einen guten Grund, das zu ändern. Die Reportage über das 130-Seelen-Dorf Binn.

Diego Müggler

Durch die hohen Zugfenster entdeckt man die schmelzenden Schneefelder auf den Bergen, welche in wenigen Tagen wohl selbst in Form der milchigen Rhone das Oberwallis hinuntergeschwemmt werden. Bei der Talstation der Bettmeralp füllt sich der Zug mit einer Zürcher Schulklasse im Klassenlager, während die Kondukteurin sich mit einem walliserischen «Danku» für das gezeigte Zugticket bedankt. Vier Haltestellen und 240 Höhenmeter weiter oben steht beim Bahnhofsvorplatz Fiesch der Bus mit der Aufschrift «Binn» bereit, um mich – ein Journalist vom Bodensee – eine Handvoll Erwachsenen und ebenso wenige Oberstufenkinder zur Arboner Partnergemeinde mit knapp 130 Einwohnenden hochzufahren. «Severin setz dich, der Bus ist kein Spielplatz», sagt der Busfahrer zu einem Jugendlichen während er das Postauto geübt durch die engen Kurven und an den zahlreichen Verkehrsspiegel vorbei manövriert. Bei einem Halt auf einem idyllischen Walliser Dorfplatz auf halber Höhe beleben einige neuzugestiegene Primarschulkinder das Busgeschehen. Anschliessend verlassen wir durch die «Twingischlucht» das Rhonetal in das Seitental des Flusses Binna. Die Abhänge werden steiler, die Aussicht spektakulärer bevor die Strasse in einem zwei Kilometer langen, schnurgeraden Tunnel verschwindet und auf der anderen Seite in einer anderen Welt – dem Binntal – den Fels verlässt.

Seit 35 Jahren Partnergemeinde

«Wäre der Tunnel nicht gekommen, wären wir heute kein eigenes Dorf mehr,» sagt Gemeindepräsident Rolf Imhof mit Blick auf das 1964 erstellte Bauwerk. «Zumindest nur noch im Sommer.» Zuvor war das Dorf im Winterhalbjahr abgeschieden. Schnee und Lawinen machten die Zufahrtsstrasse durch die Twingischlucht zu Fuss schwer, mit dem Auto unpassierbar. Ein rund 80 Jahre alter Herr, den ich vor seinem Schnitzereiladen im Hauptdorf «Schmidigehischere» antreffe, mag sich noch gut an diese Zeit erinnern. Er ist in der Zeit ohne Tunnel in Binn aufgewachsen und zur Schule gegangen. Einzelne Zollbeamte hätten ab und zu ins Nachbardorf gefunkt, um sich zu erkundigen, wie schwer die Post war. Mit entsprechend vielen Leuten seien sie dann am Vormittag losgezogen, um am Nachmittag die Post für das Dorf zu bringen. 

In Arbons Partnergemeinde Binn leben rund 130 Bewohnerinnen und Bewohner.
In Arbons Partnergemeinde Binn leben rund 130 Bewohnerinnen und Bewohner.
© Diego Müggler

Damals war die Gemeinde Binn für Arbon nichts anderes als eine der geografisch am weitesten entfernten Gemeinden in der Schweiz. Auf der einen Seite Arbon, wo über den Bodensee nach Deutschland geblickt wird, auf der anderen Seite Binn, wo sieben Pässe ins benachbarte Italien führen. Dies änderte sich 1991 anlässlich des 700-Jahr-Jubiläums des Bundesbriefes von 1291. Das historische Jubiläum diente als Brückenbauer zwischen den unterschiedlichen Regionen der Schweiz und führte zu verschiedenen Gemeindepartnerschaften. Da der damalige Arboner Stadtpräsident Christoph Tobler kurz zuvor in Binn seine Ferien verbrachte, entstand zwischen den 160 Kilometer Luftlinie auseinanderliegenden Gemeinden die Partnerschaft. Seither gibt es einen regelmässigen Austausch zwischen den Gemeinden. Speziell zu Beginn sind oft Arboner Schulklassen für einwöchige Lager in die Partnergemeinde gereist. Doch auch heute ist der Austausch noch lebendig. Der Arboner Stadtpräsident René Walther war vor zwei Jahren Redner an der 1. Augustfeier in der Berggemeinde, eine Delegation aus Binn war beim Neujahrsempfang 2025 dabei.

Winston Churchill zu Besuch

Ein guter Teil der 130 Einwohnenden in der Gemeinde leben heutzutage vom Tourismus. Speziell während der Sommerferien sei das Tal voll mit Gästen aus der ganzen Schweiz, aber auch aus den Nachbarländern, sagt Gemeindepräsident Rolf Imhof. Was ihn besonders freue: «Dabei sind auch immer wieder Gäste aus Arbon darunter.» Die flächenmässig rund zehnmal grös-sere Gemeinde als Arbon hat im Sommer so einiges für die Berglust zu bieten. 200 Kilometer Wanderwege, verschiedene Dreitausender, erfrischende Bergseen und rund zehn bewirtschaftete Gastronomien. Bekannt ist die Region auch für den «Landschaftspark Binntal», welcher sich über sechs Gemeinden erstreckt. Er bietet grosse Flächen unberührte Natur, eine einzigartige Flora und Fauna und eine sehr spezielle Geologie. Als die mineralienreichste Region der Alpen wurde das Tal bereits früh von Sammlern und Hobbystrahlern entdeckt. Ende des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr reiche Engländer in das Tal zur Erholung. Die Ruhe, der rauschende Bach, das Glockenleuten am Hang – es klingt mehr nach Ziegen als nach Kühen – war damals schon wie heute. So wurde 1883 das Hotel Ofenhorn gebaut: ein prächtiges, sechsstöckiges Gebäude aus der Pionierzeit der Hotellerie, welches noch heute mit seiner weis-sen Fassade, den Holzverkleidungen und seiner Grösse den Anblick des Ortes Schmidigehischere prägt. Besonders stolz sind die Leute darauf, dass Winston Churchill, späterer britischer Premierminister, selbst einmal in ebendiesem Hotel weilte. Doch auch gesellschaftlich ist das Hotel Ofenhorn zentral für die Gemeinde. Als Hotel im Tal sei seine Existenz und sein Fortbestehen unerlässlich für den ganzen Tourismus, meint Imhof. Daneben gibt es noch zwei Restaurants, welche einzelne Zimmer vermieten. «Wenn du nirgends schlafen kannst, kommst du auch nicht hierhin.» Da das genossenschaftlich betriebene Hotel in den letzten Jahren nur in den Sommermonaten offen hatte, hat die Gemeinde das zu spüren bekommen. Darum gibt es nun von der Gemeinde und der Gesellschaft verschiedene Bestrebungen, das Hotel zu unterstützen, sodass es mal einige Saisons ganzjährig offen haben kann. Im benachbarten Restaurant «Zur Brücke» hört es sich ähnlich an – ohne das Hotel ist es touristisch schwierig.

Schulschliessung und Abwanderung

Aufgrund der Abwanderung und der Abgelegenheit kennen die Leute in Binn solche Schwierigkeiten. Bis vor fünf Jahren hatte es eine eigene Konsumgenossenschaft, die einen Dorfladen betreute. Doch die Gemeinde musste die Genossenschaft zunehmend stärker subventionieren, bis sie vor einigen Jahren den Stecker zog. «Wir sind sehr froh, hat sich der Volg dazu entschieden, hier einzuspringen», sagt der Gemeindepräsident. Der Laden hier sei zwar nicht profitabel, der Volg könne ihn aber gut zu Werbezwecken nutzen. «Für uns ist das ein Glück – was würden wir machen, wenn man hier nichts mehr kaufen kann?» fragt Imhof rhetorisch. Ein weiteres Thema ist die Dorfschule. Vor fünf Jahren zwang der Kanton sie aufgrund der tiefen Schülerzahlen zu schliessen. «Hätten wir eine Familie mehr gehabt, wäre es gegangen», sagt der gebürtige Binner. Nun gehen die Schulkinder mit dem Bus ins Tal. «Für die Dorfgemeinschaft war dies ein herber Rückschlag.»

Einsatz fürs Dorf

Je mehr ich mit den Menschen vor Ort ins Gespräch über ihr Leben und vor allem ihr Dorf komme, desto mehr verspüre ich einen enormen Zusammenhalt. Es wirkt, als seien sich alle bewusst, dass man im gleichen Boot sitzt, am gleichen Strang für das Dorf und die Region ziehen muss. Dabei ist sich kaum jemand zu schade, selbst anzupacken.

Gemeindepräsident Rolf Imhof schätzt den Zusammenhalt in Binn.
Gemeindepräsident Rolf Imhof schätzt den Zusammenhalt in Binn.
© Diego Müggler

Das Geld scheint dabei nicht den gleichen Stellenwert zu haben wie auf der anderen Seite des Tunnels.  So war es finanziell auch kein Problem, dass der kleine Skilift ausserhalb des Dorfes – den die Gemeinde Arbon im Jahr 1991 mit 30’000 Franken mitfinanzierte – in den letzten Wintern aufgrund des fehlenden Schnees kaum lief. Schliesslich wird dieser sowieso nicht kommerziell betrieben. «Wenn es Schnee hat, stehen ein paar Freiwillige am Nachmittag ein paar Stunden an den Lift,» sagt Gemeindepräsident Imhof. Während die Eltern nebendran auf dem Bänkli weilen, können die Kinder auf dem Dorflift das Skifahren lernen.

Apfelbaum als Geschenk

Trotz oder genau wegen allen Herausforderungen ist die Verbundenheit und der Stolz auf das eigene Dorf sehr gross. Mit Freude erzählt der Gemeindepräsident von der Gemeindepartnerschaft mit der Gemeinde Baceno. Die italienische Gemeinde liegt auf der anderen Seite der Pässe im Binntal und ist somit direkte Nachbarin von Binn. Alle zwei Jahre gibt es ein gemeinsames Fest, abwechslungsweise in Binn und in Baceno. Dazu sei jeweils die ganze Bevölkerung eingeladen. «Die Motivierten ziehen früh morgens los und überqueren zu Fuss den Pass,» schildert Imhof. Die anderen würden jeweils mit Bussen über den Simplonpass ins andere Dorf gefahren. Auch ein einzigartiges Weihnachtsgeschenk von einer Partnergemeinde findet im Gespräch eine Erwähnung. So sei eines Tages vergangenen Dezember plötzlich ein grosses Paket vor dem Gemeindehaus gestanden. Nach dem Auspacken und einigen Abklärungen stellte sich heraus, dass das kleine Apfelbäumchen von der Stadt Arbon verschickt wurde. Nun steht es eingepflanzt beim Dorfeingang.

Ungarische Kunst

Im Dorf gibt es ein Tourismusbüro, das jeweils von Montag bis Samstag offen hat. Darin sitzt Jacqueline Imhof – eine Frau, die beim Wort Arbon gleich eine Geschichte zu erzählen hat. Als damalige Gemeindepräsidentin durfte sie 2017 in Arbon eine Ansprache zur Neujahrsbegrüssung halten. Damals hätte sie den Bogen vom grossen Bodensee in Arbon zu den vielen kleinen Bergseen in Binn gespannt. Daneben hätte die Binner Delegation Raclette serviert. Sie hat einiges über das Dorf zu erzählen. Von den Angeboten des Landschaftsparks, über den grossen Zusammenhalt, das Restaurant «Zur Brücke», wo ihre Eltern gewirtet haben bis hin zur Dorfschule, wo sie bis zur Schulschliessung gearbeitet hat. Unter anderem erwähnt sie auch das «Twingi», eine jährliche Outdoor-Kunstausstellung, die der Landschaftspark vor 20 Jahren gestartet hat. Verschiedene Kunstschaffende errichten entlang der alten Strasse durch die Schlucht, Kunstobjekte, die von Ende Juni bis Mitte Oktober stehenbleiben. Eine Begegnung am Vorabend hatte diesen Hinweis schon vorweggenommen – auf unerwartete Art. Beim Vorbeilaufen traf ich dort auf vier junge ungarische Künstler, welche gerade dabei waren, Lehm an den Felsen der Schlucht zu Tafeln zu formen. Ihr diesjähriges Kunstwerk: Tontafeln mit zur Region passenden Aufschriften im Dialekt, welche im Austausch mit der Bevölkerung vor Ort entstanden. Ein kurioser Gedanke, dass vier Ungaren, mit denen ich Englisch spreche, auf Walliserdeutsch Kunst in den Walliser Bergen über ein kleines Berg-dorf machen. Und doch passt der Gedanke zu diesem versteckten Ort im Oberwallis, zu dieser alten Strasse durch die Schlucht, welche durch den Tunnel abgelöst wurde und zur Offenheit, Gesprächsbereitschaft und Gastfreundschaft der Binner, wenn man sich für ihr Leben und ihr Dorf interessiert.

Anzeigen