Artour übertrifft Erwartungen
Kim Berenice GeserHansueli Bruderer, 15’000 Passagiere hat Artour in den letzten zwölf Monaten befördert. Entspricht diese Zahl Ihren Erwartungen?
Sie übertrifft unsere Erwartungen. Zurückzuführen ist dieser Erfolg auf den konsequenten Halbstundentakt, den wir fahren, und auf die wiederkehrenden Fahrgäste. Zum Beispiel Mitarbeitende von MS Direct und Besuchende des Medizinischen Zentrums nutzen Artour täglich.
Welchen Prozentsatz machen die «Stammgäste» aus?
Vorsichtig geschätzt circa einen Viertel aller Passagiere.
10’000 Kilometer und 4000 Fahrten hat Artour im ersten von drei Testjahren absolviert. Welche Erkenntnisse konnten Sie in dieser Zeit bereits sammeln?
Wir wussten von Anfang an, dass die engen Strassen der Altstadt eine Herausforderung sein würden. Die grösste Herausforderung für eine flüssige Fahrt im Ortsverkehr stellt aber die laufende Verarbeitung von Hindernissen dar, etwa die Umfahrung von nicht korrekt geparkten Autos, von LKWs, die kurzzeitig für das Be- und Entladen auf der Strasse anhalten, oder von verkehrswidrig fahrenden Velofahrern. Dennoch haben wir bereits heute einen Automatisierungsgrad von mehr als 96 Prozent erreicht. Das heisst, in mehr als 96 Prozent der Strecke fährt Artour ohne Eingreifen der Sicherheitsfahrenden.
Gilt das auch für die Sonderrouten, die der Bus bei Veranstaltungen wie dem SummerDays oder dem Wochenmarkt fährt?
Ja. Wir haben insgesamt sechs Alternativrouten. Alle funktionieren einwandfrei.
Offensichtlich kann Artour aber nicht alle Herausforderungen ohne menschliches Zutun meistern. Wird sich das noch ändern oder bleibt der Betrieb eines Linienbusses ohne Sicherheitsfahrenden eine Utopie?
Ganz ohne den Menschen wird es hier in Arbon nicht gehen. Aber er muss in Zukunft dafür nicht zwingend im Fahrzeug sitzen. Wir werden in den nächsten Projektphasen die Sicherheitsfahrenden schrittweise durch Teleoperation, das heisst durch Fernüberwachung und Fernlenkung aus dem Kontrollzentrum, ablösen. Zukünftig wird Artour selbständig fahren und nur dann Unterstützung aus der Zentrale anfordern, wenn er ein Hindernis nicht selbst bewältigen kann. Zurzeit werden bereits die ersten Sicherheitsfahrenden für das Überwachen und Fernlenken geschult. Auch in diesen Phasen werden Sicherheitsfahrende zumindest als Begleitpersonen im Bus sein.
Seit wenigen Wochen kurven in Altstätten SG und im Zürcher Furttal Robotaxis durch die Strassen. Diese Pilotprojekte werden unter anderem von der SBB und Postauto betrieben. Welche Konkurrenz stellen die selbstfahrenden Autos für Artour dar?
Artour ist mit seinen 19 Sitzplätzen und einem Rollstuhlplatz nicht mit den Robotaxis zu vergleichen. Unser Ziel ist es, durch Automatisierung den leistungsfähigen öV zu stärken und effizient zu machen, damit das Strassennetz mit Robotaxis nicht masslos überlastet wird. Wir brauchen kosteneffiziente Alternativen für den Massentransport in und zwischen Städten, Gemeinden und in Agglomerationen. Mit Artour beweisen wir, dass Automatisierung nicht nur im Auto, sondern auch im Linienbus möglich ist. Es gibt weltweit bisher nur wenige Projekte mit automatisierten Linienbussen des öV und Artour ist der erste, der mit Teleoperation ausgerüstet ist.
In Zukunft könnte also eine Person mehrere Busse vom Kontrollzentrum aus steuern. Das würde in der Folge sowohl zur Senkung der öV-Kosten als auch zum Erhalt des Angebots beitragen – trotz Fachkräftemangel.
Korrekt. Entsprechend gross ist seit Beginn des Pilotprojekts das internationale Interesse der Fachwelt. Wir hatten bereits Fachleute aus Japan, den Niederlanden, Tschechien, Österreich und Deutschland, sowie vieler Verkehrsbetriebe aus der ganzen Schweiz hier in Arbon.
Was steht nun als nächstes an?
Wie gesagt, beginnen wir den anspruchsvollen Betrieb mit Teleoperation, das heisst mit Fernüberwachung und Fernlenkung. Mit der Click to move GmbH aus St. Gallen lancieren wir ausserdem ein Zusatzprojekt für Barrierefreiheit mit Artour. Die Firma kam auf uns zu, um zu testen, was es braucht, damit Personen mit Beeinträchtigung die zukünftig fahrerlosen Linienbusse selbständig und sicher nutzen können. Das Vorhaben stösst auch beim Bundesamt für Verkehr auf Anklang. Es übernimmt die Kosten dafür.