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Ein unverzichtbarer Beitrag

Alle 15 Minuten erkrankt in der Schweiz eine Person an Demenz. Mit der wachsenden Zahl der Betroffenen steigt auch der Druck auf jene Menschen, die einen grossen Teil der Betreuung übernehmen: die Angehörigen. Die Betreibenden des Café Vergissmeinnicht sehen deshalb Handlungsbedarf – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Gesellschaft.

Kim Berenice Geser

2022 lebten in der Schweiz rund 150’000 Menschen mit Demenz. Gemäss aktuellen Zahlen von Alzheimer Schweiz sind es inzwischen 166’300 Personen. 2050 sollen es gemäss Hochrechnungen knapp 300’000 Betroffene sein. «Hier kommt ein riesiges Problem auf uns zu», sagt Maria Jutz. Sie arbeitet seit Jahren mit Menschen mit Demenz und ist im Auftrag von Alzheimer Thurgau Initiatorin des Arboner Café Vergissmeinnicht, eines monatlichen Treffpunkts für Betroffene und deren Angehörige. «Letztere leisten bei der Betreuung der Betroffenen einen unverzichtbaren Beitrag», sagt die 72-Jährige. Das gilt nicht nur auf zwischenmenschlicher Ebene, sondern auch mit Blick auf das Gesundheitswesen. Pflegepersonal ist knapp, professionelle Betreuung teuer. Wie gross die volkswirtschaftliche Bedeutung der Angehörigen ist, zeigen Zahlen von Alzheimer Schweiz. Demenz verursacht demnach in der Schweiz geschätzte jährliche Gesamtkosten von 11,8 Milliarden Franken. Rund 47 Prozent davon – 5,5 Milliarden Franken – werden von den Angehörigen in Form ihrer unbezahlten Arbeitsleistung getragen. «Angesichts der steigenden Fallzahlen sehen wir deshalb dringenden Handlungsbedarf, um künftig nicht nur Menschen mit Demenz, sondern vermehrt auch ihre Angehörigen besser zu unterstützen», sagt Jutz.

Bis an die Belastungsgrenze

Dass Pflegeleistungen von Angehörigen seit einem Bundesgerichtsentscheid von 2019 unter bestimmten Voraussetzungen entschädigt werden können, ist für Fritz Neuenschwander ein wichtiges Zeichen. Der 75-Jährige engagiert sich ebenfalls im Café Vergissmeinnicht und als freiwilliger Helfer für Menschen mit Demenz zu Hause. «Aber dieses Entgelt ist nur eine finanzielle Entlastung. Viel wichtiger und dringlicher ist die persönliche Entlastung der Angehörigen», sagt er. Denn wer einen Menschen mit Demenz zu Hause betreut, übernimmt eine Aufgabe, die weit über einzelne Pflegeleistungen hinausgeht. «Oft kümmern sich diese Menschen rund um die Uhr um ihre Partnerin oder ihren Partner – und dies, obwohl viele von ihnen selbst schon in einem fortgeschrittenen Alter sind», erklärt Jutz.

Fritz Neuenschwander und Maria Jutz leiten das Café Vergissmeinnicht.
Fritz Neuenschwander und Maria Jutz leiten das Café Vergissmeinnicht.
© Kim Berenice Geser

Neuenschwander ergänzt: «Gerade ältere Männer müssen plötzlich lernen, den Haushalt zu führen, zu putzen, einzukaufen und zu kochen. Und gleichzeitig kümmern sie sich um ihre Frauen.» Frauen machen gemäss Alzheimer Schweiz 66 Prozent der Menschen mit Demenz aus. Die dauernde Verantwortung kann Angehörige an ihre Belastungsgrenzen bringen. Werden sie selbst krank oder fallen aufgrund von Überlastung aus, verschärft sich die Situation zusätzlich. Im schlimmsten Fall ist die Betreuung zu Hause nicht mehr möglich. Damit wird die Unterstützung pflegender Angehöriger auch zu einer gesundheitspolitischen Frage.

Menschliche Gesten sind gefragt

Unterstützungsangebote gibt es bereits. Dazu gehören Bezahlangebote wie Tagesstätten, Schulungen, Entlastungsdienste und Ferienangebote für Menschen mit Demenz sowie unentgeltliche Angebote wie das Café Vergissmeinnicht. Für Jutz reicht das angesichts der alltäglichen Belastung jedoch nicht aus. «Das sind nur sporadische Erholungsinseln», sagt sie. Viel wichtiger wären alltägliche Gesten der Unterstützung. Hier sehen Jutz und Neuenschwander vor allem die Bevölkerung in der Pflicht. Er nennt als Beispiel eine Nachbarin, die mit einem Menschen mit Demenz spazieren geht, oder einen ehemaligen Arbeitskollegen, der mit ihm über früher spricht. Während jemand anderes für eine gewisse Zeit die Begleitung übernimmt, erhalten Angehörige so einen Freiraum im Alltag. «Wir müssen die Zusammenarbeit auf menschlicher Ebene fördern und Berührungsängste abbauen», sagt Neuenschwander. Voraussetzung dafür sei, dass die Bevölkerung besser über Demenz und den Umgang mit Betroffenen informiert werde. Die Betreibenden des Café Vergissmeinnicht setzen deshalb vermehrt auf aktive Öffentlichkeitsarbeit. In diesem Zusammenhang laden sie kommenden Freitag, 25. September, von 14.30 bis 16.30 Uhr die Bevölkerung ins Café Vergissmeinnicht im Pflegeheim Sonnhalden ein. Zu Gast ist Stadtrat Reto Neuber. Er wird mit den Anwesenden über die Rolle der Politik in der Demenzarbeit sprechen. Jutz: «Wir wollen nicht mehr fordern, sondern gemeinsam Lösungen suchen.»

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