«Ich möchte nicht noch einmal 17 sein»
Andrea Vonlanthen
«Longevity», also Langlebigkeit, heisst der neue Trend. Er will das Altern aufhalten. Wie alt möchten Sie eigentlich werden?
Hedy Züger: Oh la la, vielleicht so 95…
Ruedi Hayn: Ich bin froh, dass ich trotz gesundheitlicher Beschwerden so alt geworden bin. Ich habe keinen Wunsch mehr für ein längeres Alter.
Was bedeutet es Ihnen, 90 Jahre alt zu sein?
Züger: Ich spüre vor allem Dankbarkeit. Ich merke, dass ich in meinem Leben viel gesehen und erlebt habe. Ich freue mich, dass ich soweit noch gesund bin.
Hayn: Ich bin auch vor allem dankbar. Dass ich so alt werden durfte, ist für mich ein Segen von oben.
Wie haben Sie dieses hohe Alter geschafft?
Hayn: Ich habe immer versucht, in Bewegung zu bleiben – körperlich und geistig.
Züger: Das hat wohl mit meinen guten Genen zu tun. Und ich habe einigermassen gesund gelebt.
Der 2009 verstorbene, bis zuletzt sehr umtriebige Thurgauer Nationalrat Ernst Mühlemann sagte oft: «Ich hasse das Alter.» Sie auch?
Züger: Nein, ich hasse das Alter sicher nicht. Es ist mir so gegeben, und ich nehme es an, auch wenn es zum Teil schon beschwerlich ist.
Hayn: Ich hasse nicht grundsätzlich das Alter. Aber ich hadere ein wenig mit dem, was mir das Alter alles auferlegt.
Ich merke, dass auch das Alter eine besondere Bestimmung hat. Sie lässt mich innerlich immer noch wachsen.
Wann ist man denn in Ihren Augen alt?
Züger: Ich denke, so von 80 Jahren an. Wenn wir merken, dass wir langsamer werden, das Gedächtnis wackelt, das Auswendiglernen schwierig wird. Das alles stört mich ziemlich.
Hayn: Das ist individuell. Körperliche Beschwerden sind belastend, schlimmer ist, wenn die Fähigkeit zum klaren Denken abnimmt. In dieser Phase befinde ich mich jetzt. Also sicher ist man mit 90 Jahren alt.
Möchten Sie noch einmal 17 sein?
Hayn: Nein! Dann müsste ich ja alle die Phasen noch einmal durchleben, die ich lieber gestrichen hätte.
Züger: Ich teile die Meinung von Ruedi. Ich möchte vor allem die schmerzlichen Erfahrungen und Schwierigkeiten nicht nochmals erleben.
Was schätzen Sie am Alter?
Hayn: Ich schätze, dass ich immer noch ein wenig lernfähig bin. Ich merke, dass auch das Alter eine besondere Bestimmung hat. Sie lässt mich innerlich immer noch wachsen.
Züger: Ich bin dankbar, dass ich noch heute von dem profitieren kann, was ich einmal gelernt habe. Und für viele nützliche Lebenserfahrungen.
Wie war das für Sie, als Sie pensioniert wurden und dann plötzlich nicht mehr gefragt waren?
Züger: Ich bin am Tag nach der Pensionierung bei der Zeitung gleich wieder ins Büro gegangen. Es ging fast unverändert weiter. Ich hatte noch viele weitere Jahre mit erfüllenden Aufgaben.
Hayn: Plötzlich keine feste Arbeitsstruktur mehr zu haben, war gar nicht einfach. Aber ich war noch in der Leitungsfunktion der Männerriege, sang im katholischen Kirchenchor, machte viele Velotouren und engagierte mich noch kirchlich, sechs Jahre auch als Präsident der evangelischen Kirchgemeinde. Und ich habe wie Hedy noch hie und da geschrieben, vor allem Leserbriefe.
Wie können Sie auch mit 90 ein erfülltes Leben haben?
Züger: Zeitungs- und andere Lektüre sowie Kontakte sind mir wichtig. Ich gehe oft in die Natur hinaus, besuche gerne die Kirche und treffe auch dort geschätzte Bekannte. Natürlich fehle ich auch nicht, wenn es heisst: «Gömmer eis go zieh?»
Hayn: Ich erlebe ein erfülltes Leben, aber auf einer anderen Basis. Ich lese gerne und informiere mich über die aktuelle Lage in der Welt. Wir sind ja in einer ganz schwierigen Weltlage. Das interessiert mich, und dafür bete ich auch. Zu einem erfüllten Leben verhilft mir auch meine Familie mit all den Begegnungen und Feiern.
Wie stark beschäftigen Sie sich mit dem Sterben?
Züger: Ich war im Stadthaus, habe meine Beerdigung festgelegt und auch dafür bezahlt. Meinen Lebenslauf muss ich noch verfassen. Ans Sterben denke ich oft. Bei diesem Thema ist mir auch die Kirche wichtig.
Hayn: Auch ich beschäftige mich stark mit dem Sterben, denn es liegt nahe. Das hat mit meinem Glauben zu tun. Jesus hat uns doch versprochen, dass wir als Glaubende in sein himmlisches Reich kommen. Das ist die Osterbotschaft. Ich habe mich auch bei der Stadt über den ganzen Ablauf orientiert und einige Vorkehrungen getroffen. Ich möchte zum Beispiel nicht kremiert werden. Das ist alles schriftlich festgelegt.
Wenn Sie ans Sterben denken - wovor haben Sie Angst?
Züger: Eigentlich habe ich keine Angst. Ich glaube, was ich kirchlich gelernt habe. Ich habe auch das Beispiel meiner Eltern erlebt, die getrost im Glauben gestorben sind. Für die letzte Lebenszeit dürfen wir auch der Palliative Care vertrauen.
Hayn: Es gibt ja das Gebet «Herr, schenke mir einen seligen Tod». Ich habe Respekt, aber keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bis zuletzt im Glauben stark bleiben.
Frau Züger wohnt seit 63 Jahren in Arbon, Herr Hayn seit 65 Jahren. Warum sind Sie unserer Stadt immer treu geblieben?
Züger: Mein verstorbener Mann war noch bei der Firma Hamel angestellt. Ich nahm bei der Zeitung eine interessante Aufgabe wahr. Ich hatte auch immer wieder gute Weiterbildungsmöglichkeiten. In St. Gallen habe ich zum Beispiel Hebräisch gelernt, das Judentum interessiert mich auch.
Hayn: Arbon ist am See wunderbar gelegen und hat eine schöne historische Altstadt. Hier hat es mir, meiner Frau und unseren beiden Töchtern immer gut gefallen. Ich hatte auch stets freundschaftliche Kontakte, sei es bei Saurer, beim STV Arbon oder als Chorsänger. Wer in Arbon wohnen kann, lebt doch ein Stück weit im Paradies!
Was mir wichtig ist, wird in Arbon in einem guten Zustand gehalten.
Sie sind beide «Saurer-Leute». Herr Hayn war 38 Jahre bei Saurer tätig, Frau Züger schreibt heute noch in der «Saurer-Gazette». Welche Erinnerungen haben Sie an Saurer?
Hayn: Das ganze soziale Gebilde von Saurer war sehr fortschrittlich. Man hat die Mitarbeiter bei Problemen miteinbezogen. Die Qualität der Textilmaschinen und der Nutzfahrzeuge war weltweit bekannt.
Züger: Ich erinnere mich an die Riesenströme von Saurer-Mitarbeitern, die jeweils per Velo durch das Städtchen oder per Auto Richtung Rheintal zirkulierten. Erst später wurde mir klar, was für ein grosses Ansehen Saurer hatte. Wer dort die Lehre absolvierte hatte, wurde sofort angestellt. Heute schreibe ich vierteljährlich Beiträge für die «Saurer-Gazette». Ich freue mich am Erfolg des Saurer-Museums mit seinen rund 80 freiwilligen Mitarbeitern.
Wie sehen Sie die Entwicklung von Arbon in den letzten 20, 30 Jahren?
Züger: Es ist vor allem baulich sehr viel geschehen, ganze Quartiere sind neu entstanden. Nach meinem Empfinden ist es jetzt aber genug.
Hayn: Also baulich war einiges nötig. Aber es gibt auch eine bauliche Entwicklung, die ich kritisch sehe. Solange die finanziellen Mittel da sind, wird halt gebaut. Und man will natürlich modern sein. Doch von älteren Arbonern höre ich manchmal schon: «Das ist nicht mehr mein Arbon!»
Und wie ist es bei Ihnen: Ist es noch «Ihr» Arbon?
Hayn: Es ist noch mein Arbon, aber es ist nicht mehr das Arbon von 1959, als ich nach Arbon kam. Vor allem die Menschlichkeit und der Zusammenhalt waren damals ausgeprägter.
Züger: Ja, es bleibt mein Arbon. Alles ist geordnet und gut verwaltet. Was mir wichtig ist, wird in Arbon in einem guten Zustand gehalten.
Was macht Ihnen trotzdem Sorgen, wenn Sie an Arbon denken?
Züger: Meine Sorge ist, dass europaweit wieder einmal eine Rezession eintritt, von der auch Arbon betroffen sein könnte. Das weiss man ja nie.
Hayn: Ich sehe mit Sorge, dass durch den zunehmenden Verlust der biblischen Werte die Nächstenliebe abnimmt. Und für die Stadt hoffe ich einfach, dass sie sinnvoll mit den Steuergeldern umgeht.
Wie könnte man den betagten Menschen in Arbon die grösste Freude machen?
Züger: Alte Menschen brauchen gute Anlaufstellen, Freundschaften und Kontaktmöglichkeiten. Zum Glück haben wir genügend Ärzte. Es ist wichtig, dass auch die Betagten aus dem Haus gehen. Mir gefällt gar nicht, dass viele Leute die Kirche links liegen lassen. Wissen sie denn nicht aus der Geschichte, wer in die entstehenden Lücken vorstösst?
Hayn: Wird das Alter in Arbon genügend gewürdigt? Ja, ich denke schon. Doch man sollte auf allen Gebieten versuchen, den Bedürfnissen der alten Menschen Rechnung zu tragen. Alte Menschen brauchen Freude, aber auch die Möglichkeit, über Sinnfragen austauschen zu können.
Was raten Sie der jüngeren Generation in Arbon?
Hayn: Sie sollte sich vermehrt auch mit den tieferen Fragen des Lebens beschäftigen und nicht nur im Materialismus leben. Auch für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, gehört dazu.
Züger: Die Jungen sollen keine Schulden machen, ihren Ehepartner sorgfältig auslesen und auch etwas für die Seele tun.
Warum glauben Sie an eine positive Zukunft von Arbon?
Züger: Viele Leute setzen sich für eine positive Entwicklung von Arbon ein, leider nicht alle. Arbon hat ein sehr breites Vereinsleben. Die Vereine sind wichtiger, als man oft denkt. Auch die Parteien haben eine grosse Bedeutung – für das politische Leben, also für unsere Zukunft.
Hayn: Ich sehe auch, dass man in Arbon viel Wert auf die Bildung legt. Mir wäre ein Anliegen, dass auch Kunst und Kultur weiter gefördert werden. Arbon ist noch nicht so überbevölkert wie andere Städte. Ich bin auch politisch und wirtschaftlich optimistisch gestimmt für Arbon.
Ihr grösster Wunsch für das 91. Lebensjahr?
Hayn: Die letzten Monate waren gesundheitlich nicht ganz einfach für mich. Da war ich ja auch einige Wochen im Pflegeheim. Jetzt darf ich Gott sei Dank wieder zu Hause bei meiner Frau sein. So wünsche ich mir einfach, dass es bei uns geistig und körperlich einigermassen stabil bleibt.
Züger: Mein Wunsch ist, dass ich gesund bleibe, weiterhin gut gehen und immer wieder die mir Nahestehenden treffen kann.