Investition für die Zukunft
Sabine MoosmannSchon beim Betreten des Seewasserwerks Arbon wird spürbar, dass sich hier ein grosses Kapitel seinem Abschluss nähert. Bereits seit 2015 hat man sich intensiv mit der Zukunft des Werks beschäftigt. Vor etwa acht Jahren wurden die Planungen konkret, bevor im März 2022 mit dem Spatenstich der eigentliche Umbau begann. Der Weg dahin war alles andere als geradlinig. Verschiedene Varianten standen zur Diskussion, vom kompletten Neubau bis hin zu alternativen Standorten oder einer stärkeren Einbindung regionaler Versorgungsnetze. Die Arbon Energie AG hat sich letztlich für die Modernisierung entschieden. «Dass diese Variante überhaupt möglich war, liegt an der soliden Bausubstanz der Anlage. Die massiven Betonstrukturen bestehen bereits seit 1964», erklärt Silvan Kieber, Geschäftsführer Arbon Energie, auf einem Rundgang durch die Baustelle des Seewasserwerks. Er ist in Begleitung von Roger Thoma, dem Leiter Anlagen. «Gerade diese Substanz machte es möglich, das Werk Schritt für Schritt bei laufendem Betrieb zu erneuern», führt Thoma aus. Dieser Ansatz war planerisch anspruchsvoll, stellte aber gleichzeitig die kontinuierliche Versorgung sicher. Täglich werden hier bis zu 30’000 Kubikmeter Trinkwasser aufbereitet, genug für rund 25’000 Haushalte in Arbon und der Region. Nur für kurze Zeit musste das Werk durch das Seewasserwerk Frasnacht ersetzt werden. Im Gespräch mit Silvan Kieber und Roger Thoma wird deutlich, dass sauberes Trinkwasser oft als Selbstverständlichkeit erachtet wird. Dabei haben die Privathaushalte in der Schweiz erst sein weniger als hundert Jahren flächendeckend einen Wasseranschluss. Welche Dimensionen die vermeintlich selbstverständliche Aufbereitung des Trinkwassers mit sich bringt und welche Leistung im Seewasserwerk Arbon steckt, wird beim Baustellen-Rundgang deutlich.
Technischer Wandel wird sichtbar
Nötig wurde die Erneuerung, weil die alte Anlage zunehmend zum Risiko wurde. «Manche Ersatzteile gab es gar nicht mehr, bei anderen wurde die Produktion eingestellt», erklärt Thoma. Während er spricht, wird klar, wie kritisch diese Modernisierung war. Ein Ausfall hätte weitreichende Folgen für die langfristige Versorgungssicherheit gehabt. Anhand der Steuertechnik kann der Wandel deutlich aufgezeigt werden. «Was vorher einen ganzen Raum eingenommen hat, ist nun auf ein paar Quadratmeter reduziert worden», so Thoma. Noch eindrücklicher wird es bei der Wasseraufbereitung selbst. Wo früher Sandfilter dominierten, entsteht nun das Herzstück der neuen Anlage: die Ultrafiltration.
Beim Blick auf die neuen Module erklärt Thoma, wie fein diese Technik arbeitet und selbst kleinste Partikel und Mikroorganismen entfernt. Das Wasser selbst beginnt seine Reise rund 40 Meter tief im Bodensee. Obwohl es bereits eine sehr hohe Qualität aufweist, durchläuft es im Werk mehrere Stationen: von Grobfiltern über Ultrafiltration bis hin zu Ozonierung, Biofiltration und UV-Behandlung. «Dieses mehrstufige Verfahren stellt sicher, dass die hohe Trinkwasserqualität jederzeit gewährleistet ist», sagt Thoma. Zwischen den Anlagen wird auch deutlich, dass dieses Projekt nicht isoliert entstanden ist. Die Arbon Energie AG ist eng mit anderen Wasserwerken vernetzt. Besonders wertvoll sei der Austausch in der Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein gewesen, meint Thoma. Erfahrungen und Forschungsergebnisse, etwa von der Wasserversorgung in Sipplingen am Bodensee, seien direkt in die Planung eingeflossen. Dieses Wissen bleibt wie vieles in der Anlage für den Laien nicht erkennbar. Das gilt auch für ein grosses Problem, das tief im See beginnt: die Quaggamuschel.
Unter der Oberfläche
«Die invasive Quaggamuschel beschäftigt uns seit Jahren, da sie sich sehr schnell verbreitet und somit auch einen Einfluss auf das Seewasserwerk hat», sagt Thoma. Diese unscheinbare Muschel setzt sich an der Seeleitung fest, beeinflusst so die Wasserentnahme und kann Leitungen sowie die Anlage beeinträchtigen (siehe unten). Entsprechend wurden verschiedene Massnahmen umgesetzt. Die Seeleitung wird regelmässig gereinigt und auch die Wasseraufbereitung ist daran angepasst: Die Ozonierung entzieht den Muscheln die Nährstoffgrundlage, sodass sich ihre Larven im Leitungssystem nicht weiterentwickeln können.
Welche Dimension das gesamte Sanierungsprojekt hat, zeigt sich auch in den Kosten. «Mit rund 25 Millionen Franken zählt es zu den grösseren Infrastrukturvorhaben der Region», sagt Kieber. Mit regelmässiger Instandhaltung soll das Werk weitere 25 Jahre zuverlässig betrieben werden können. «Es ist besonders erfreulich, dass am Standort beim Schwimmbad festgehalten werden konnte und das Seewasserwerk als technisch moderne Anlage betrieben werden kann», führt Kieber weiter aus. Ab Sommer wird die Anlage vollständig in Betrieb sein, die offizielle Eröffnung folgt Ende Oktober. Dann haben Interessierte die Möglichkeit, das Werk selbst zu erleben und zu entdecken, was täglich im Verborgenen entsteht: das für alle selbstverständliche, saubere Trink-
wasser.
Invasive Muschelart in Schweizer Seen
Die Quaggamuschel (Dreissena rostriformis bugensis) ist eine invasive und gebietsfremde Muschel, die 2014 erstmals in der Schweiz nachgewiesen wurde. Bereits zwei Jahre später war die Quaggamuschel im Bodensee angesiedelt. Wie die bereits seit Jahrzehnten in der Schweiz vorkommende Zebramuschel (Dreissena polymorpha), stammt die Quaggamuschel ebenfalls aus dem Schwarzen Meer und kann alle Gewässer besiedeln, in denen die Zebramuschel bereits vorkommt. Die Quaggamuschel ist im Gegensatz zur Zebramuschel noch robuster. Im Bodensee wurde sie in einer Tiefe von 180 Metern nachgewiesen, sie kann aber auch in über 200 Metern Tiefe überleben. Zusätzlich kann die Quaggamuschel jegliche Sub-strate besiedeln, pflanzt sich ganzjährig fort, ist an tiefe Temperaturen angepasst und wächst schneller als die Zebramuschel. All diese Eigenschaften machen es sehr schwer die Verbreitung von Quaggamuscheln zu verhindern oder einzuschränken.
Der Mensch ist das Problem
Die Quaggamuschel hat keine natürlichen Fressfeinde und es gibt auch noch kein Mittel oder Vorgehen, um diese wieder aus einem Gewässer zu entfernen. Die Verbreitung wird hauptsächlich durch den Mensch vorangetrieben. Da die ökologischen und ökonomischen Schäden in Folge des Befalls sehr hoch sein können, ist die Früherkennung entscheidend. Deshalb setzt man in der Schweiz bereits seit 2021 auf grossflächige Informations- und Sensibilisierungsmassnahmen. Massnahmen wie Sensibilisierung und die Förderung von Schiffsreinigungen könnten somit die Ausbreitung reduzieren.
Trinkwasser aus dem Bodensee
Arbon Energie versorgt zusammen mit dem Verbund Regionale Wasserversorgung St. Gallen (RWSG) und deren Partnern Arbon und 20 weitere Gemeinden mit Trinkwasser. Damit dies möglich ist, betreibt Arbon Energie ein Seewasserwerk. In der Anlage beim Schwimmbad wird im Schnitt jede Sekunde eine Badewanne voll Trinkwasser produziert. Das dafür verwendete Wasser wird dem Bodensee in etwa 40 Metern Tiefe entnommen und zur Aufbereitung ins Seewasserwerk gepumpt. Die gute Wasserqualität im Bodensee ermöglicht, dass das Wasser weitgehend naturbelassen bleiben kann und lediglich mehrere Reinigungsschritte durchläuft. Regelmässige Kontrollen und Analysen garantieren zudem eine gleichbleibend hohe Qualität.
Versorgung garantiert
Der Bodensee speist insgesamt 17 Seewasserwerke in der Schweiz und in Deutschland. Trotz dieser Nutzung ist die Ressource langfristig gesichert: Mit einem Volumen von rund 48 Billionen Litern Wasser verfügt der See über enorme Wassermengen. Durch die Wasserentnahme entsteht jedoch keine Gefahr für den Bodensee. Die entnommene Wassermenge ist kleiner als die Menge, die natürlich verdunstet und beeinflusst somit den See nicht. Die regionale Vernetzung der Wasserwerke sorgt zusätzlich für Versorgungssicherheit. Einerseits wird dies durch die Partnerschaft mit der Regionalen Wasserversorgung St. Gallen erzielt, da man sich im Notfall jeweils gegenseitig mitversorgen kann. Andererseits profitieren die Seewasserwerke durch ihre Zusammenarbeit beziehungsweise durch den anhaltenden Austausch von Erfahrungen, Problemen und Forschungsergebnissen voneinander.