zum Inhalt springen

·

Zur Artikelübersicht

Papier gegen den KI-Einheitsbrei

Flyer-Designs in Sekundenschnelle, Retuschen in wenigen Klicks: KI hat den Alltag der Druckerei Weibel in Tübach verändert. Geschäftsführer Dani Weibel sieht darin Werkzeug und Konkurrenz zugleich. Im Gespräch erklärt er, weshalb klassische Grafik an Bedeutung verliert – und warum ausgerechnet Papier im digitalen Zeitalter wieder auffällt.

Kim Berenice Geser

Dani Weibel, KI ist in der Grafikbranche inzwischen allgegenwärtig. Wo treffen Sie KI derzeit am häufigsten an?

Immer häufiger bei Druckdaten, die Kunden selbst erstellen. Wir bekommen Flyer, Plakate oder Broschüren, die mit KI begonnen wurden. Oft stimmen Auflösung, Beschnitt oder Schnittzeichen nicht. Dann helfen wir. Kürzlich hatten wir für einen Messestand eine Bildvorlage mit gerade einmal 240 KB, die auf fünf mal drei Meter vergrössert werden sollte. Mit KI konnten wir das problemlos hochrechnen. Das ist schon krass.

Sie nutzen KI also, um KI-generierte Produkte zu verbessern. Wo erleichtert Ihnen die Technologie sonst noch den Alltag?

Zum Beispiel bei Retuschen oder Freisteller. Früher dauerte es ewig, Haare oder einen Bart sauber auszuschneiden. Heute geht das sehr schnell. Auch eine störende Strassenlaterne lässt sich in Sekunden aus einem Bild entfernen. Solche Arbeiten werden massiv einfacher.

Das wissen auch Kundinnen und Kunden, die deshalb ihre Drucksachen häufiger selbst gestalten. Was bedeutet das für ein Geschäft wie Ihres, dessen Kompetenzen genau dort liegen? Ist KI für Sie eher Werkzeug oder Konkurrenz?

Beides. Wir merken, dass wir Dinge machen können, die vorher nicht möglich waren. Social-Media-Posts, Filme oder Fotos kann man schneller erstellen, aufbereiten und posten. Aber wir müssen ehrlich sein: In der Grafik haben wir wegen KI zwar weniger Aufwand aber auch weniger Aufträge. Eine Geburtstagseinladung zum Beispiel hätten wir früher gestaltet, heute macht sie jemand mit KI.

Droht der klassische Polygraf damit zu verschwinden?

Ich bin nicht sicher, ob es den Polygrafen in einigen Jahren noch in derselben Form gibt. Früher hiess der Beruf Typograf, dann wurde daraus Polygraf. Aktuell geht die Entwicklung stärker in Richtung Mediamatiker oder Interactive Media Designer. Der Beruf entwickelt sich parallel zur Technologie weiter.

Besorgt Sie diese Entwicklung?

Unsere Branche ist seit Jahren im Wandel – und das schon vor KI. Aber natürlich mache ich mir Gedanken. Wenn KI irgendwann druckfertige Daten und Vektordateien erstellt oder komplette Webseiten programmiert, die auch bei Suchmaschinen und KI-Suchen funktionieren, wird es schwierig. Wenn sie Drucksachen komplett gestaltet und der Polygraf keine Daseinsberechtigung mehr hat, macht mir das Sorgen. Aber wir können die Entwicklung nicht aufhalten.

«Wenn unsere Kundschaft jetzt Flyer mit KI generiert, helfen wir ihr dabei – und hoffen natürlich, dass wir sie danach drucken dürfen.»
Dani Weibel

Die Alternative ist, sich mitzuentwickeln. Nach diesem Credo führen Ihr Bruder und Sie das Geschäft, seit Sie es vor 15 Jahren übernommen haben.

Richtig. Wir versuchen, für unsere knapp 500 Kundinnen und Kunden relevant zu bleiben. Manche betreuen wir seit fast 50 Jahren. Angefangen mit Drucksachen, später mit Grafik und Kreation, Webseiten und Social-Media-Auftritte. Wir passen unser Angebot immer den Bedürfnissen an. Wenn der Markt etwas verlangt, müssen wir lernen, es anzubieten. Wenn wir das nicht mehr machen, sind wir früher oder später weg. Wenn unsere Kundschaft jetzt Flyer mit KI generiert, helfen wir ihr dabei – und hoffen natürlich, dass wir sie danach drucken dürfen.

Bislang hat KI also noch keine Stellen gekostet?

Nein. Wir haben weiterhin 15 Mitarbeitende und sehr viel zu tun. Im Offsetdruck könnten es künftig weniger werden, weil hohe Stückzahlen zurückgehen. Im Digitaldruck sehe ich das nicht. Dort machen wir beispielsweise personalisierte Mailings, die sehr beliebt sind. Und weil der Druck inzwischen eines von mehreren Standbeinen ist, verschieben sich unsere Personalressourcen einfach je nach Entwicklung. Denn auch wenn KI Arbeiten beschleunigt: Jemand muss zum Kunden gehen, filmen, Fotos machen, Material bearbeiten und alles zusammenführen. Der persönliche Kundenkontakt kann kein Programm übernehmen, es kann nur in der Verarbeitung helfen.

Dennoch setzen Sie auch in einer immer digitaleren Welt weiterhin auf Print. Warum?

Weil Print massiv unterschätzt wird. In einer Welt, in der alles digital sein muss, schätzen die Leute Print umso mehr. Wir erkennen klar eine Gegenbewegung. Drucksachen mit einem haptischen Papier, veredelt mit Goldfolie, Blindprägung oder einer kreativen Stanzung fallen auf und werden teilweise noch Jahre lang aufbewahrt.

Wird Print also gerade wegen der Digitalisierung wertvoller?

Ganz klar. Wir gestalten Drucksachen, die auffallen. Wenn alles digital wird, gewinnt Physisches wieder an Wert.

Und genau dort kann KI Sie nicht ersetzen?

Wir nutzen KI für Inspiration: Was könnte man zu einem Thema machen? Oft kommt ein guter Vorschlag. Danach entwickeln wir aber etwas Eigenes, zum Beispiel ein Mailing mit einer speziellen Stanzung oder einer Veredelung. Ein solches Produkt ist einzigartig. Mit Standardflyern kannst du dich heute kaum mehr abheben. Mit individuellen Drucksachen schon. Ich bin sicher, dass wir auch in fünf bis zehn Jahren noch drucken. Wobei wir dann vielleicht eher eine Werbeagentur sind, die auch noch druckt.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Wirtschaftsbeilage 2026 erschienen.

Anzeigen