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«Roggwil muss effizient bleiben»

Seit etwas mehr als einem Jahr steht Kevin Länzlinger an der Spitze der Gemeinde Roggwil. Sein Einstieg war turbulent. Im Gespräch spricht der Gemeindepräsident über die geplante Reorganisation der Verwaltung, die Senkung des Steuerfusses, regionale Zusammenarbeit und seine Ziele für die kommende Legislatur.

Kim Berenice Geser

Das Amt des Gemeindepräsidenten war mehrere Monate vakant, und bereits Ihre erste Gemeindeversammlung verlief turbulent. Wie haben Sie Ihren Einstieg erlebt?

Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Das Amt macht mir sehr viel Freude, der Einstieg war aber intensiv und nicht ganz einfach.

Damals kamen für Sie viele Veränderungen auf einmal zusammen ...

Richtig. Mein Vater starb wenige Tage nach meinem Amtsantritt, ich zog um, übernahm ein neues Amt und musste mich in ein neues Team einfinden. Im Nachhinein betrachtet war das ein schwieriger Monat. Gleichzeitig wurde ich von der Verwaltung, dem Gemeinderat und der Bevölkerung sehr gut aufgenommen. Markus Zürcher hat mich gut eingearbeitet, die Dossiers wurden sauber übergeben, und bei Fragen konnte ich mich jederzeit melden. Das Amt ist zeitintensiv, nicht immer ganz einfach und vieles war für mich neu. Insgesamt finde ich die Aufgabe aber sehr spannend und habe nach wie vor grossen Spass daran.

Wenn Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken: Was ist Ihnen gelungen, und wo sind Sie hinter Ihren Erwartungen zurückgeblieben?

Am wichtigsten war mir, mich rasch einzuarbeiten, die Dossiers voranzutreiben und mich im Gemeinderat sowie in der Verwaltung zu etablieren. Ich glaube, das ist mir gut gelungen. Natürlich sind nicht immer alle Einwohnerinnen und Einwohner mit der Gemeinde oder mit mir zufrieden. Aber das gehört zum Amt. Hinter meinen eigenen Erwartungen bin ich vor allem beim Tempo zurückgeblieben. Ich hätte einzelne Projekte gern weitergebracht. Gleichzeitig stehen nun mehrere Vorhaben in den Startlöchern, sodass wir sie in nächster Zeit weiter vorantreiben oder der Bevölkerung vorlegen können.

Wo wären Sie gerne schon weiter?

Ein Schwerpunkt ist die Kommunikation. Ich wollte ursprünglich schneller die Kanäle der Sozialen Medien aufschalten, musste dann aber feststellen, dass es sinnvoller ist, zuerst das gesamte Kommunikationskonzept der Gemeinde zu betrachten: das Mitteilungsblatt, die übrigen Kanäle und die Frage, was heute noch zeitgemäss ist. Auch bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wäre ich gern schneller vorwärtsgekommen. Eine kleine oder mittlere Gemeinde sollte dabei aber nicht allein viel Geld ausgeben. Es gibt zahlreiche Programme, und auch beim Kanton ist vieles in Bewegung. Solche Themen sollten wir möglichst regional angehen. Mein Ziel bleibt, die Digitalisierung und in einem sinnvollen Rahmen auch KI in der Verwaltung einzusetzen.

«Mit der Trennung von Kanzlei und Bauverwaltung schaffen wir klarere Zuständigkeiten.»
Kevin Länzlinger

Noch hat Roggwil keine Sozialen Medien, dafür gaben Sie kürzlich im Amtsblatt bekannt, dass Sie darin künftig regelmässig über das Geschehen in der Gemeinde informieren wollen. Fand das bisher zu wenig statt?

Der Gemeinderat soll aktiver kommunizieren. Bisher wurden mehrheitlich Entscheide veröffentlicht, es kann aber auch durchaus sinnvoll sein, zwischendurch über den Stand eines Projektes zu informieren. Das wollen wir künftig vermehrt machen.

Eine andere, anstehende Veränderung ist die Reorganisation der Gemeindeverwaltung. Künftig soll die operative Leitung der Bauverwaltung vom Gemeindepräsidium getrennt werden. Im Wahlkampf konnten Sie sich noch vorstellen, beide Aufgaben parallel zu übernehmen. Weshalb die Haltungsänderung?

Die Organisationsanalyse begann bereits vor meiner Amtszeit unter Urs Koller. Ich wartete mit diesem Dossier bewusst ab, bis ich mir selbst einen Überblick verschafft hatte. Die Organisation wird nicht für mich, sondern für die Zukunft aufgebaut. Die Gemeinde ist gewachsen, die Aufgaben sind komplexer geworden. Deshalb ist die Trennung zeitlich, organisatorisch und rechtlich sinnvoll. Über die Details werden wir an der Informationsveranstaltung am 24. November informieren.

Auch die Gemeindekanzlei soll künftig als eigenständige Abteilung geführt werden. Was hat an den bisherigen Strukturen nicht gepasst?

Es fehlten teilweise klare Abgrenzungen. Einzelne Aufgaben wurden nicht oder nicht ausreichend wahrgenommen, Stellvertretungen waren nicht überall gewährleistet, und die Organisation war dadurch nicht genügend krisenresistent. Mit der Trennung von Kanzlei und Bauverwaltung schaffen wir klarere Zuständigkeiten.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ein Beispiel ist die Liegenschaftsverwaltung. Teile davon wurden bislang vom Werkhof, von der Finanzverwaltung, von der Kanzlei oder Bauverwaltung und vom Sozialen Dienst erledigt. Viele kleinere Aufgaben waren nicht eindeutig zugeordnet. Künftig soll klar sein, welche Abteilung wofür verantwortlich ist. Dadurch können wir Abläufe verbessern, Aufgaben wieder vermehrt intern erledigen und auch Kosten sparen.

Kevin Länzlinger will die Kommunikation der Gemeinde mit der Bevölkerung verstärken und künftig auch ausserhalb von Gemeindeversammlungen über den Stand von laufenden Projekten informieren.
Kevin Länzlinger will die Kommunikation der Gemeinde mit der Bevölkerung verstärken und künftig auch ausserhalb von Gemeindeversammlungen über den Stand von laufenden Projekten informieren.
© Archiv

Die Liegenschaftsverwaltung ist der Bevölkerung schon länger ein Dorn im Auge. Was soll sich konkret ändern?

Wir brauchen eine überarbeitete Liegenschaftsstrategie. Verschiedene Dinge wurden vernachlässigt, weil die Ressourcen fehlten. Nun wollen wir diese Themen systematisch aufarbeiten. Baulich werden das Gemeindehaus, die weiteren gemeindeeigenen Liegenschaften und das Dorfzentrum in der kommenden Legislatur eine wichtige Rolle spielen.

Im Zuge der Neuorganisation soll der Stellenetat um 180 Stellenprozent erhöht werden. Sind diese Stellen unbefristet?

Ja.

Bei Stellenerhöhungen wird schnell der Vorwurf laut, der Verwaltungsapparat werde aufgebläht. Roggwil hat rund 3400 Einwohnende, die Verwaltung inkl. Werkhof derzeit total 1090 Stellenprozent. Braucht es die zusätzlichen Ressourcen wirklich?

Der Bedarf ist ausgewiesen. Roggwil ist personell sehr schlank aufgestellt, und das soll auch so bleiben. Die Bevölkerungszahl wuchs aber und die Aufgaben sind immer komplexer. Gleichzeitig müssen Stellvertretungen funktionieren, Zuständigkeiten klar sein und wichtige Aufgaben wie die Liegenschaftsverwaltung verlässlich wahrgenommen werden. Ziel ist nicht ein grösserer Verwaltungsapparat, sondern eine moderne, zukunftsfähige und effiziente Verwaltung mit guten Mitarbeitenden.

Trotz steigender Personalausgaben und zusätzlicher finanzieller Belastungen soll der Steuerfuss gesenkt werden. Weshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt?

Wir prüfen das Budget jedes Jahr intensiv und erwarten 2026 erneut einen guten Abschluss. In der Finanzplanung sind die steigenden Personalausgaben, die individuelle Prämienverbilligung und die Mindereinnahmen durch den Wegfall der Liegenschaftensteuer berücksichtigt. Roggwil steht finanziell vergleichsweise gut da. In den vergangenen 20 Jahren wurde sorgfältig gewirtschaftet. Zudem haben wir weniger Zentrumslasten als andere Gemeinden und profitieren von einer attraktiven Lage und Bevölkerungsstruktur, was sich positiv auf die Steuerkraft auswirkt. Trotzdem bleiben wir bei den Ausgaben zurückhaltend und schauen genau hin. Wir betreiben mit der Steuersenkung auch keine kurzfristige Finanzpolitik. Wir kommunizieren offen, dass in zwei Jahren möglicherweise wieder über eine moderate Erhöhung gesprochen werden muss. Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Senkung gut vertretbar. Wir machen keine Steuern auf Vorrat.

«Für mich ist entscheidend, die hohe Lebensqualität in Roggwil und Umgebung zu erhalten und weiterzuentwickeln.»
Kevin Länzlinger

Was möchten Sie am Ende der kommenden Amtszeit erreicht haben?

Mein übergeordnetes Ziel ist eine weiterhin finanziell gesunde und langfristig tragbare Gemeinde. Wir wollen die neue Verwaltungsorganisation erfolgreich etablieren und beim Umbau des Gemeindehauses, bei der Liegenschaftsstrategie und im Dorfzentrum vorwärtskommen. Auch die Kommunikation und weitere interne Abläufe sollen verbessert werden. Hinzu kommen die Überprüfung nicht mehr zeitgemässer Reglemente und der unbefriedigenden Parkplatzsituation sowie Projekte im Zusammenhang mit der Ortsplanung. Mit den Gemeindewerken müssen wir zudem tragfähige und finanzierbare Strategien für die Zukunft entwickeln. Die Themen Elektrizität, Wasser, Photovoltaik, Batteriespeicher und weitere technische Entwicklungen werden komplexer, auch wenn die heutige Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Ab Juni 2027 kommen zudem mindestens zwei neue Mitglieder in den Gemeinderat. Mir ist wichtig, dass wir uns rasch einspielen.

Roggwil besteht aus mehreren Ortsteilen und Weilern. Wie erleben Sie den Zusammenhalt?

Für mich ist Roggwil eine Gemeinde, und alle Ortsteile sind gleich wichtig. Ich nehme keine grossen Spannungen wahr. Natürlich liegen viele gemeindeeigene Liegenschaften und Angebote im Zentrum von Roggwil. Dadurch kann der Eindruck entstehen, manches sei stärker auf diesen Ortsteil ausgerichtet. Wir versuchen jedoch, alle Teile der Gemeinde gleich zu berücksichtigen. Ich freue mich deshalb besonders, dass bei den Gemeinderatswahlen drei Kandidaten aus Freidorf antreten. Damit wird Freidorf sicher im Gemeinderat vertreten sein.

Apropos Zentrum: Das Farinolihaus und der Ochsen beschäftigen Roggwil seit Jahren. Ist das Projekt nach der Zustimmung zur Vergabe im Baurecht auf Kurs?

Ich bin zuversichtlich, dass wir in der nächsten Legislatur einen Schritt weiterkommen und sich eine Lösung abzeichnet. Unser Ziel ist es, wie an der Gemeindeversammlung beschlossen, der Bevölkerung bis spätestens Ende 2027 eine geeignete Baurechtsnehmerin präsentieren zu können.

Wie stehen Sie zum geplanten Zweckverband der Feuerwehren Roggwil und Arbon?

Ich sehe darin eine grosse Chance und hoffe auf eine klare Zustimmung der Bevölkerung. Es ist ein richtiger und zukunftsorientierter Schritt, um die Sicherheit von Mensch, Tier und Sache weiterhin zu gewährleisten. Mit dem Zweckverband können die Feuerwehren zusammenarbeiten und ihre Ressourcen gemeinsam nutzen. Davon profitieren beide Gemeinden. Aber auch hier möchte ich nicht weiter vorgreifen. Die Details zum Zweckverband werden ebenfalls an der Infoveranstaltung in drei Wochen öffentlich bekanntgegeben.

Die Gemeindeversammlungen seit Kevin Länzlingers Amtsantritt vor etwas über einem Jahr liefen nicht immer reibungslos ab. Was aber nicht am Gemeindepräsidenten, sondern den traktandierten Geschäften lag.
Die Gemeindeversammlungen seit Kevin Länzlingers Amtsantritt vor etwas über einem Jahr liefen nicht immer reibungslos ab. Was aber nicht am Gemeindepräsidenten, sondern den traktandierten Geschäften lag.
© Archiv

Dann sprechen wir noch einmal über die Standortvorteile: Sie sind Präsident der neuen regionalen Standortförderung «Upper Thurgau». Welche Bedeutung hat diese für Roggwil und die Region?

Im Oberthurgau sind verfügbare Gewerbeflächen knapp. Gleichzeitig bietet die Region eine hohe Lebensqualität sowohl für Wohnen als auch Arbeiten. Umso wichtiger ist es, Netzwerke zu verbinden und Plattformen zu schaffen, auf denen sich Unternehmen und Gemeinden kennenlernen. Arbeitsplätze sind für unsere Gemeinschaft zentral. «Upper Thurgau» ist ein Verein der Wirtschaft und kein rein politisches Instrument. Ich hoffe aber, dass dadurch die regionale Zusammenarbeit wächst und der Oberthurgau gegenüber Kanton und Bund mehr Gewicht erhält. Auch Roggwiler Unternehmen können von diesem Netzwerk profitieren. Der GTOB und die Arbeitgebervereinigung Region Arbon sind bereits gut aufgestellt, eine regionale Plattform erweitert aber die Kontakte und Möglichkeiten. Für mich ist entscheidend, die hohe Lebensqualität in Roggwil und Umgebung zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Ihren Aussagen ist zu entnehmen, dass Sie ein Befürworter der regionalen Zusammenarbeit sind. Hat diese auch Grenzen?

Bei vielen Themen ist regionale Zusammenarbeit sinnvoll. Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel: Es ergibt keinen Sinn, wenn Roggwil allein Schulungen und Programme organisiert, die umliegende Gemeinden ebenfalls benötigen. Auch bei der Feuerwehr, der Spitex oder in anderen Zweckverbänden lassen sich Ressourcen bündeln. Trotzdem darf die Gemeinde ihre Autonomie nicht verlieren. Gewisse Bereiche, wie beispielsweise die Ortsplanung, die Entwicklung unserer Infrastruktur, die Finanzpolitik oder die Förderung des Vereinslebens und der Dorfkultur sollen auch künftig in der Verantwortung von Roggwil bleiben. Entscheidend ist, bei jedem Thema zu prüfen, ob eine regionale Lösung einen Mehrwert bringt.

Ihr Terminkalender ist seit Ihrer Wahl deutlich voller als vorher. Wie verhindern Sie, dass Ihr Privatleben zu kurz kommt?

Ich habe das Glück, eine Partnerin zu haben, die vieles organisiert und übernimmt, obwohl sie selbst viel arbeitet. Diese Unterstützung ist für mich enorm wertvoll und macht vieles überhaupt erst möglich. Wenn wir ein freies Wochenende oder einen freien Abend haben, unternehmen wir bewusst etwas gemeinsam. Auch meine Familie und Freunde unterstützen mich. Sie stehen hinter mir und wissen, dass dieses Amt mir wirklich Freude macht. Und wenn der Kopf trotzdem einmal nicht frei wird, hilft mir der Sport.

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