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«Sprecht über euren Zyklus!»

Der weibliche Zyklus wird auch in unserem modernen Zeitalter noch oft als Mysterium betrachtet. Zyklusmentorinnen wie die Steinacherin Carola Gerschwiler haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit diesem Vorurteil aufzuräumen. Im Gespräch erklärt sie, wie der Zyklus das weibliche Leben bestimmt und wie das Wissen darüber der Wirtschaft dienen kann.

Kim Berenice Geser

Carola Gerschwiler, Zyklusmentorin ist eine relativ neue Berufsbezeichnung. Was verbirgt sich dahinter?

Ich begleite Frauen bei Zyklusproblemen mit einem ganzheitlichen Ansatz auf ihrem Weg zum gesunden Zyklus.

Von welchen Beschwerden sprechen wir hier?

Das ist sehr individuell. Häufig sind es Schmerzen, starke Stimmungsschwankungen, Erschöpfung oder andere Beschwerden rund um die Menstruation sowie Zyklusunregelmässigkeiten. Ich begleite aber auch Frauen mit Kinderwunsch oder Endometriose.

Letzteres ist eine chronische Krankheit. Inwiefern können Sie hier als Mentorin helfen?

Frauen haben einen inneren Antrieb, der stark mit ihrer Intuition zusammenhängt. Wir haben nur leider verlernt, darauf zu hören. Zyklusbeschwerden sind Symptome, Hilfeschreie des Körpers, die uns zeigen, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist. Ein Zyklusmentoring kann Endometriose nicht heilen. Wir können aber durch einen ganzheitlichen Blick auf Ernährung, Bewegung, Stress, emotionale Themen und ein Verständnis für den eigenen Zyklus viel dazu beitragen, diese Symptome zu lindern.

«Faktisch haben sie mit der Anstellung einer Frau jeden Monat vier verschiedene Mitarbeiterinnen mit unterschiedlichen Stärken.»
Carola Gerschwiler

Wie sieht ein zyklisches Leben aus?

Im Optimalfall so, dass Frauen ihre Energie ihren Zyklusphasen entsprechend einteilen können. Je nach Phase haben wir einen völlig anderen Energiehaushalt. Das zu wissen, ist nicht nur für Frauen wichtig, gerade auch Arbeitgebende können von diesem Wissen profitieren. Denn faktisch haben sie mit der Anstellung einer Frau jeden Monat vier verschiedene Mitarbeiterinnen mit unterschiedlichen Stärken. Richtig genutzt, hilft das nicht nur der Gesundheit der Mitarbeiterinnen, sondern auch der Leistungsfähigkeit des Betriebs.

Im Spitzensport hat man das bereits erkannt. Heute wird das Training weiblicher Athletinnen dem Zyklus entsprechend angepasst. Wie aber lässt sich das Konzept auf die Wirtschaft übertragen?

Ich verwende hier gerne das Bild der vier Jahreszeiten: Im Frühling, der Follikelphase, fängt alles an zu wachsen. Hier haben wir Energie, können neue Hobbys ausprobieren, im Sport mehr Muskeln aufbauen oder aber beruflich neue Projekte anpacken. Im Sommer, der Ovulationsphase, sind wir unwiderstehlich – das hat die Natur geschickt eingerichtet. (lacht) Auf diese Zyklusphase legt man deshalb idealerweise wichtige Meetings. Im Herbst, der Lutealphase, nimmt der Energiehaushalt ab, man braucht mehr Ruhe, ist aber beispielsweise auch analytischer. Zum Schluss folgt der Winter, die Menstruation, die Ruhephase.

Diese einzuhalten ist aber weder beruflich noch familiär immer möglich.

Das stimmt. Gerade wenn man Kinder hat, kann man sich meist nicht einfach zurückziehen. Dennoch können auch hier schon kurze Fünf-Minuten-Pausen viel bewirken. Ich sage in dieser Diskussion immer: Wenn der Sprit alle ist, stellen wir das Auto zum Tanken ja auch ab. Genauso ist es bei uns Menschen auch. Nur wenn wir zwischendurch bewusst innehalten und auftanken, können wir nachher wieder Vollgas geben.

Carola Gerschwiler lebt und arbeitet seit drei Jahren in ihrem Camper.
Carola Gerschwiler lebt und arbeitet seit drei Jahren in ihrem Camper.
© Kim Berenice Geser

Der weibliche Zyklus braucht also dringend ein besseres Image. Nicht einfach, wenn man bedenkt, dass das Thema noch heute oft schambehaftet ist und die Geschlechtermedizin noch in den Kinderschuhen steckt.

Dem ist leider so. Und obwohl bereits einiges im Wandel ist, braucht es noch viel Aufklärung seitens der Schulen, der Eltern, der Medizin, der Medien. Und dazu können und müssen wir Frauen einen wichtigen Beitrag leisten. Denn solange wir uns verstohlen unter dem Tisch Tampons reichen, kommen wir nicht vorwärts.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Sprecht darüber! Wenn Frauen das Thema Zyklus und Menstruation enttabuisieren wollen, müssen sie bei sich anfangen. Ich habe eine Klientin, die hat ihrem Partner jahrelang nicht von ihren Menstruationsschmerzen erzählt. Wie soll er sie denn unterstützen, wenn er nicht weiss, dass sie leidet? Solange wir nicht darüber reden, kommen wir aus der Scham nicht heraus. Zykluswissen ist Selbstermächtigung. Kennen wir uns und unseren Körper, können wir lernen, Grenzen zu setzen und unsere Energie sinnvoll und nachhaltig einzusetzen.

War das auch Ihre eigene Erfahrung?

Auf jeden Fall. Das Thema beschäftigt mich, seit ich mit 25 die Pille abgesetzt habe. Das fühlte sich damals an, wie eine zweite Pubertät, weil ich keine Ahnung hatte, wie mein natürlicher Zyklus funktioniert. Also begann ich mich in die Thematik einzuarbeiten. Als ich meine Ausbildung antrat, dachte ich deshalb auch, ich sei schon gut informiert. Von wegen! Wie eng Zyklus, Hormonhaushalt, Stoffwechsel und Lebensstil miteinander verknüpft sind, wurde mir während des Ausbildungsjahres noch einmal ganz neu bewusst. Heute weiss ich, welche Kraft in einem zyklischen Leben steckt.

Zur Person

Carola Gerschwiler ist 32 Jahre alt und in Steinach aufgewachsen. Bis vor Kurzem arbeitete sie als Projektmanagerin in einer Textilagentur. Dieses Jahr machte sie sich als Zyklusmentorin selbstständig. Was als dreimonatiges Abenteuer gedacht war, ist heute ihr Alltag: Gerschwiler lebt und arbeitet seit drei Jahren als digitale Nomadin in ihrem Camper. Im Winter zieht es sie in den Süden, den Sommer verbringt sie in der Schweiz.

Vortrag: Die vier Jahreszeiten im Zyklus

Wer mehr über den weiblichen Zyklus, seine vier Phasen und wie man sie für sich einsetzen kann, erfahren möchte, hat am Donnerstag, 3. September, um 19 Uhr Gelegenheit dazu. Dann gibt Carola Gerschwiler einen Vortrag mit anschliessendem Austausch im «felix.»-Mediencafé an der Rebhaldenstrasse 7. Der Anlass ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht nötig.

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