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«Vorgehen nicht akzeptabel»

Zwei Wohnblöcke an der Obstgartenstrasse in Arbon weichen fünf Neubauten. Für etwa hundert Menschen bedeutet das der Verlust ihres Zuhauses. Die Nachricht löste eine Welle der Bestürzung aus. Nun fordert die SP Massnahmen von der Vermieterin. Deren VR-Präsident Marco Forster ist erstaunt ob der Dynamik.

Kim Berenice Geser

Der Schock sitzt tief bei den Anwohnerinnen und Anwohnern des Quartiers, seit die ABV Liegenschaften AG Anfang des Monats ihre Neubaupläne bekannt gab. In zwei Etappen müssen erst bis Ende Februar 2027 die Mieterinnen und Mieter der Obstgartenstrasse 11, 13, 15 und 17 ausgezogen sein. Ein Jahr später folgen diejenigen in den Nummern 19, 21 und 23. Danach werden die beiden Blöcke abgerissen und durch fünf neue Häuser ersetzt. Als Grund nennt die Vermieterin die schlechte Verfassung der Gebäudehülle und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Bausubstanz. Betroffen sind insgesamt 51 Parteien. Bei einem Rundgang durch die Wohnanlage ist die schlechte Stimmung spürbar. Es sei eine Zumutung, sagt eine ältere Frau, die seit 26 Jahren hier ihr Zuhause hat. Keine Seltenheit – viele der Anwohnenden leben seit Jahren hier, teilweise sogar seit dem Bau der Liegenschaften 1968 und 1970. Sie berichtet von weinenden Nachbarn, dem zähen Gang zur Schlichtungsstelle, aber auch von der Hilfsbereitschaft im Quartier. Eine andere spricht von der Ohnmacht, wenn nach 35 Jahren plötzlich und ohne Vorwarnung die Kündigung ins Haus flattert und dem Ärger, der sich breit macht, wenn nur drei Tage später Testbohrungen durchgeführt und Visiere gestellt werden. Über diese ärgert sich das ganze Quartier – auch die Gruppe Mütter, die mit ihren Kindern draussen beim Spielen ist. Wie alle anderen sind auch sie völlig überrascht über den Entscheid, schliesslich wurden in den letzten Jahren die Garagentüren ersetzt, der Lift erneuert und vor rund zehn Jahren Fenster, Küchen und Bäder saniert. Die Frauen erzählen von der Angst der Nachbarn, keinen so günstigen Wohnraum mehr zu finden und dadurch finanziell in Bedrängnis zu geraten. Dies hat nach Bekanntwerden der Leerkündigungen inzwischen auch die SP Arbon auf den Plan gerufen.

Heftige Kritik seitens der SP

Die Partei kritisiert diese Woche in einer Medienmitteilung die mangelhafte Information der Liegenschaftenbesitzerin gegenüber ihrer Mieterschaft. Auch die «wenig kulanten Kündigungsbedingungen» prangert sie an. Besonders störend empfindet die SP das Vorgehen vor allem deshalb, weil die Stadt Arbon und die Bürgergemeinde zu den Hauptaktionären der ABV Liegenschaften AG gehören und darüber hinaus mit ihren jeweiligen Präsidenten im Verwaltungsrat vertreten sind.

Wo heute zwei Blöcke stehen, sollen fünf Häuser mit insgesamt 77 Wohnungen entstehen. Die Visualisierung zeigt, wie diese künftig aussehen sollen. Das Projekt stammt von der Akkurat AG mit Sitz in St. Gallen.
Wo heute zwei Blöcke stehen, sollen fünf Häuser mit insgesamt 77 Wohnungen entstehen. Die Visualisierung zeigt, wie diese künftig aussehen sollen. Das Projekt stammt von der Akkurat AG mit Sitz in St. Gallen.
© z.V.g.

«Stadt und Bürgergemeinde sind dem Gemeinwohl verpflichtet und nicht dem Profit auf Kosten von Mieterinnen und Mietern», schreibt die Partei. Sie fordert für die Mieterschaft unter anderem eine umfassende Information über die Gründe des Abbruchs, grosszügige Fristerstreckungen, aber auch reduzierte Kündigungsfristen, wenn jemand eine neue Wohnung findet. Ausserdem verlangt sie die Bevorzugung der Obstgarten-Mieterschaft bei Wohnungsvergaben in anderen Liegenschaften der ABV und Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Kündigungen sind unumgänglich

Weder Stadtpräsident René Walther noch Bürgergemeinde-Präsident Domenic Näf wollen sich zur Kritik der SP äussern. Beide verweisen auf Marco Forster. Der Horner Unternehmer ist Verwaltungsratspräsident der ABV Liegenschaften AG und erstaunt über die Forderungen und die mediale Aufmerksamkeit, welche die Kündigungen auslösen. «Alle von der SP genannten Punkte haben wir bereits bei der Kündigung erfüllt.» Man habe bewusst frühzeitig gekündigt, um den Mietenden genügend Zeit für die Wohnungssuche zu geben. Auch Unterstützung hierfür sei zugesichert worden, ebenso wie die Bevorzugung bei der Vermietung von freien Wohnungen im eigenen Liegenschaften-Portfolio. Auch bei den Kündigungsfristen sei man entgegenkommend. «Wir sind nicht ein rein profitorientiertes Unternehmen. Anfragen auf kürzere Kündigungsfristen prüfen wir wohlwollend.» Dass bei einem solchen Schritt keine Freude aufkomme, sei ihm bewusst, sagt Forster. «Aber, wenn wir den Mietern das Projekt im Vorfeld präsentiert hätten, hätte das ihre Probleme auch nicht gelöst.» Denn die mangelhafte Gebäudehülle habe eben nicht nur energetisch Folgen: «Sie fördert auch Feuchtigkeit und Schimmel und beides hat schon länger Auswirkungen auf die Wohnqualität.» Weshalb auf die Dauer nur ein Neubau sinnvoll sei und die Kündigungen damit unumgänglich.

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