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Abkehr von obligatorischer Förderung

Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen erhalten künftig keine Förderplätze mehr in der Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen. Dahinter steht die Anpassungen bei den Subventionsmodellen, welche die Betreiberinnen vor Herausforderungen stellen.

Kim Berenice Geser , Manuela Müller

25,4 Prozent aller Kinder, die 2025/26 im Thurgau in den Kindergarten eingetreten sind, können zu wenig Deutsch. Und dabei handelt es sich längst nicht nur um Kinder fremdsprachiger Nationalitäten: 43 Prozent der Förderbedürftigen besitzen die Schweizerische, Deutsche oder Österreichische Staatsbürgerschaft. Dies geht aus einer Erhebung des Kantons von 2024 hervor. Um dem Problem der ungenügenden Deutschkenntnisse zu begegnen, führte der Kanton Thurgau Anfang Januar 2024 das sogenannte «selektive Obligatorium für die vorschulische Sprachförderung» ein – kurz SOVS. Das obligatorische Angebot mit der umständlichen Bezeichnung verpflichtet Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen dazu, ein Jahr vor dem Kindergarten-Eintritt die Spielgruppe zu besuchen. Die Kosten hierfür trägt der Kanton. Ziel des Angebotes ist es, die Chancengleichheit beim Eintritt in den Kindergarten zu erhöhen. Ob ein Förderbedarf vorhanden ist, wird durch eine Sprachstanderhebung evaluiert. Diese müssen alle Erziehungsberechtigten eineinhalb Jahre vor dem Kindergarten-Eintritt ihres Kindes ausfüllen. Eltern, deren Kinder gut Deutsch sprechen, zahlen die Spielgruppe in der Regel selbst. Das sorgte kantonal für Aufsehen und führte jüngst dazu, dass die Betreiberinnen der Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen ihr Angebot auf das kommende Schuljahr anpassen.

Einschneidende Änderungen

«Nachdem der Erlass ab 1. Januar 2024 gültig wurde, regte sich bei zahlreichen Eltern im Thurgau Widerstand», berichtet Gabriella Romano, Leiterin der Geschäftsstelle der Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen. «Teilweise erachten Eltern, deren Kinder bereits gut Deutsch können, es als unfair, dass sie die anfallenden Gebühren für die Spielgruppe selbst bezahlen müssen und anderen die Kosten erlassen werden.» In Arbon sind von 130 Kindern, die nächstes Schuljahr in den Kindergarten kommen, knapp 60 förderbedürftig, 30 davon besuchen aktuell die Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen. Entsprechend kam es auch hier vereinzelt zu kritischen Rückmeldungen nach der Einführung der SOVS. Allerdings gilt es an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Stadt allen in Arbon wohnhaften Kindern – unabhängig vom Förderbedarf – Plätze in familien- und schulergänzenden Institutionen subventioniert, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind.

Vereinspräsidentin Beatrice Walser (r.) und Geschäftsleiterin Gabriella Romano wollen mit dem Kurswechsel das Spielgruppen-Angebot stärken.
Vereinspräsidentin Beatrice Walser (r.) und Geschäftsleiterin Gabriella Romano wollen mit dem Kurswechsel das Spielgruppen-Angebot stärken.
© Manuela Müller

Die Krux in Arbon ist jedoch, dass das kantonal verbindliche SOVS mit dem seit 2015 bestehenden Programm «Frühe Förderung Arbon» kollidiert. Dieses ermöglichte es Kindern von Arboner Familien bis anhin einen Halbtag pro Woche kostenlos die Spielgruppe zu besuchen. Die Bedingung dafür war, dass die Erziehungsberechtigten im Laufe eines Jahres an sechs Elternbildungsveranstaltungen teilnahmen. «Für Eltern von Kindern, deren Sprachförderungsplatz über das SOVS finanziert wird, besteht aktuell aber kein Anreiz mehr, diese Weiterbildungen zu besuchen», erklärt Romano. Dieses Problem haben auch die Stadt und die Schulgemeinden erkannt. Gemeinsam arbeitet man deshalb seit 2024 an einem neuen Subventionierungsmodell.

Neue Anreize setzen

Letzte Woche gab die Stadt Arbon bekannt, diesen Sommer ein dreijähriges Pilotprojekt zu lancieren. Dieses findet in Zusammenarbeit mit den drei Primarschulgemeinden und der Sekundarschulgemeinde statt. Dabei will man die Eltern noch früher abholen, in dem sie pro Arboner Kind einen Frühfördergutschein erhalten, wenn sie ab Schwangerschaft bis zur obligatorischen Sprachstanderhebung zehn Elternbildungsveranstaltungen besucht haben. Der Anreiz zum Besuch der Elternbildung wird also gesetzt, bevor klar ist, ob ein Kind Förderbedarf hat oder nicht. Nach Angaben der Stadt zahlen Familien unter Anrechnung der erworbenen Gutscheine sowie der Subjektbeiträge künftig jährlich noch rund 400 Franken für einen Halbtag Spielgruppe pro Woche.

«Wir wollen allen die gleichen Chancen auf den Spielgruppenbesuch ihrer Kinder geben und gleichzeitig die Kosten für alle erschwinglich machen»
Beatrice Walser

«Jeder weitere Spielgruppenhalbtag müsste aber von den Eltern zu den Vollkosten getragen werden», relativiert Romano. Dieser beläuft sich in der Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen auf circa 1500 Franken pro Jahr. Damit das Spielgruppen-Angebot für Eltern weiterhin attraktiv bleibt, braucht es allerdings auch entsprechende Preise. «Wir sind deshalb in engem Kontakt mit den Schulen und der Stadt, um eine nachhaltige Lösung zu finden», sagt Beatrice Walser. Sie präsidiert den Trägerverein Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen. Parallel dazu gingen Geschäftsleitung und Vorstand in den vergangenen Monaten über die Bücher und fällten einen einschneidenden Entscheid: Die Spielgruppe Arbon-Frasnacht-Stachen bietet ab kommendem Sommer das SOVS nicht mehr an.

Subvention auf eigene Kosten

Damit wolle man bewusst das Profil der Spielgruppe schärfen und zum Kerngeschäft zurückkehren. «Wir möchten unsere Spielgruppenkinder mit unserem Programm bestmöglich auf den Kindergarten vorbereiten», so Walser. Dazu gehöre mehr als nur die deutsche Sprache. Im Sinne einer Neuorientierung kam es deshalb auch beim Angebot zu Anpassungen: Die Spielgruppe wird neu ab 2,5 Jahren angeboten. Damit fällt die Mini-Kids-Gruppe weg, dafür gibt es ab August das «Indoor Maxi»-Angebot, welches bis zu 3,5 Stunden in Anspruch genommen werden kann. Bezahlbar soll das Angebot dennoch bleiben. «Wir wollen allen die gleichen Chancen auf den Spielgruppenbesuch ihrer Kinder geben und gleichzeitig die Kosten für alle erschwinglich machen», erläutert Beatrice Walser. Weshalb weiterhin Rabatte auf zusätzliche Spielgruppen-Besuche möglich sein sollen. Decken will der Trägerverein diese mittels Sponsoring und Eigenkapital. Und ja, damit nehme man ein finanzielles Risiko in Kauf, räumt Walser ein. «Mit der Neuausrichtung unseres Angebots positionieren wir uns jedoch als moderne, vielseitige Spielgruppe. Ich bin überzeugt davon, dass wir damit viele Eltern ansprechen.» Eine erste Gelegenheit dazu bietet sich am Samstag, 14. Februar, von 9 bis 11 Uhr am Tag der offenen Tür an der Salwiesenstrasse 8.

Lösung für SOVS-Kinder vorhanden

Nach der Kündigung der Spielgruppe hat die PSG Arbon in einer internen Arbeitsgruppe verschiedene Lösungen zur Unterbringung der förderbedürftigen Kinder geprüft. Der Entscheid fiel am Ende auf das Kinderhaus Arbon, wie Schulpräsidentin Regina Hiller auf Anfrage mitteilt. Dort verfüge man über genügend Ressourcen, um die 30 SOVS-Kinder aufzunehmen.

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