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Das Gesicht hinter dem Gartenzaun

Carole Hollenstein, selbsterklärte «Nicht-Gärtnerin», ist zuständig für den Gemeinschaftsgarten «Schützenwiese», präsidiert den Verein ArbonGardening und engagiert sich für Kraut wie Unkraut, obwohl sie selber gar keinen grünen Daumen hat.

Alice Hofer

Carole, Du bist Ideengeberin, Mit-Initiantin und Co-Leiterin des Areals Schützenwiese. Wie lange dürft Ihr denn hier bleiben?

2023 wurde eine Zwischennutzung für fünf Jahre vereinbart. Schon bald werden wir wohl eine Verlängerung beantragen.

Was hat Dich als Nicht-Gärtnerin bewogen, ausgerechnet einen Garten zu erfinden?

Vor Jahren war ich angefragt worden, ob ich mit Migrantinnen und Migranten im Garten arbeiten würde. Die ursprüngliche Idee war, ihnen zunächst einige Zeit das Gärtnern zu ermöglichen, damit sie später eigene Parzellen bewirtschaften könnten. Da jedoch in Arbon mehrere Familiengärten geschlossen und überbaut werden (Ziegelhütte, Lärchenweg), sind die verbleibenden Wartelisten der weiteren Plätze entsprechend lang. Ich schlug deshalb ein neues Konzept vor, auch weil die Schrebergärten im klassischen Sinne nicht meiner Denkweise entsprechen, mit Eigenbrötlerei, eigenem Werkzeug, eigenem Zaun und eigener Feuerstelle. Ich möchte einen Garten, in dem alle willkommen sind, mit einer definierten maximalen Fläche pro Familie, damit es auch erschwinglich ist.

Es geht also hier um Begegnungen zwischen Generationen und verschiedenen Kulturen. Sind diese denn kompatibel?

Bis jetzt funktioniert im Grossen und Ganzen alles gut. Es sind zurzeit rund 44 Parteien, die sich hier aufhalten, von jungen Eltern mit Krabbelkindern bis zur 91-jährigen Nachbarin, welche ihr eigenes Hochbeet betreut. Es gibt Leute aus der Ukraine, Türkei und Schweiz, aus Russland, Syrien, Afghanistan, Deutschland, Österreich, Italien. Die Anordnung der Beete im Kreis ist symbolisch, somit steht niemand am Rande oder in der Ecke. Es soll ein Miteinander sein, mit Gartenhaus zum Teilen; ebenso werden Werkzeuge und Saatgut gemeinsam verwendet.

Und in welcher Landessprache verständigt Ihr Euch?

Hochdeutsch. Wer es noch nicht kann, ist hier, um es zu lernen. Manche Leute beziehen Sozialhilfe und werden von den Sozialdiensten vermittelt. Damit verpflichten sie sich auch, mindestens einmal wöchentlich hier zu erscheinen und mitzuhelfen.

Und Du gibst ihnen dann die nötigen Anleitungen?

Ja und Nein, viele haben schon Fachwissen und Erfahrung in Gartenpflege, weil sie in ihrer Heimat bereits Gärten bewirtschaftet hatten. Ich meinerseits bringe ihnen bei, wie es in der Schweiz läuft, was unsere Werte sind, wie beispielsweise Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung, Sitten und Gepflogenheiten. Oder wir erläutern auch unsere Wetterbedingungen, worauf wir hier achten, und dann finden wir gemeinsam heraus, wann und wie man was anbaut. Das ist manchmal eine Herausforderung, doch das geht wohl allen so im Moment.

Was meinst Du mit «Herausforderung»?

Die vielen Niederschläge im Frühjahr, und nun die langen Phasen ohne Regen, in denen wir auf dem Trockenen bleiben. Einen Wasseranschluss haben wir nicht, jedoch ist die Feuerwehr Arbon so nett und stellt uns bei Bedarf drei Schläuche zur Verfügung, um den Hydranten anzuzapfen. Wir bezahlen nach Verbrauch gemäss Zähler und sind sehr dankbar für diese Lösung.

Gibt es die Option, dass die Verlängerung abgelehnt wird? Oder hat die Stadt keine weiteren Pläne mit diesem Grundstück?

Wir sind im regen Austausch darüber, und meines Wissens sind noch keine neuen Projekte in Sicht. Bei den Stadtbehörden kommt unser Werk übrigens auch gut an: Der neu gepflanzte Nussbaum dort drüben steht symbolisch für die laufende Legislatur und speziell für diesen Garten.

Ist dies hier ein Bio-Betrieb?

Wir halten Gifte so minimal wie möglich. Es gibt Inputs meinerseits für ökologisches Gärtnern, wie man Beete bewirtschaften kann, mit schwach-, mittel- und starkzehrenden Pflanzen: Wie ist da die Fruchtfolge? Was kann man anwenden anstelle von Flüssigdünger aus dem Handel? Wie können wir Mulche unterlegen, damit Wasser weniger verdunstet? Und dass die Erde nicht brachliegen muss, wie man richtig kompostiert und rezykliert und so weiter.

Es wirkt so, als sei die Arbeit hier für Dich mehr als einfach nur Broterwerb. Was bringt sie Dir persönlich?

Ich finde es schön zu sehen, wie verschiedenste Leute miteinander funktionieren, sich austauschen und beraten. Wir tendieren ja im Allgemeinen eher zu gewisser Distanz, und das ist hier nicht so. Es wird aktiv gefragt, ob man sich Einkauf, Transport und Spesen teilen kann, sei es für Saatgut, Kompost, Werkzeug und so. Auch an den gelegentlichen Grillfesten, die übrigens öffentlich sind, wird alles miteinander geteilt; das ist sehr sympathisch.

Es ist wohl zu früh für eine Bilanz nach erst drei Jahren, aber gibt es eine herausragende Erfahrung, für welche sich das alles lohnt?

Ja, nämlich dass es inzwischen auch funktioniert ohne mich, also wenn ich nicht da bin; das heisst, dass ich es nicht «managen» muss. Ich kümmere mich auch nicht um die Beete anderer Leute, dafür sind sie selber verantwortlich.

Mit anderen Worten: Du führst diese Menschen in die Mündigkeit?

Genau. Und es gibt übrigens noch freie Plätze! Auch sind Gemeinschafts-Beete vorhanden, die man grossflächig bepflanzen kann. Saisonschluss wird Ende Oktober sein, wobei das Gartenhaus für Mitglieder zugänglich bleibt, denn je nach Belieben kann man ja auch Wintergemüse pflanzen, ernten und geniessen.

Sommerserie «Gartenlaube»

Die «Schützenwiese» wird von der Stadt Arbon zur Verfügung gestellt und vom Verein ArbonGardening bewirtschaftet, in Kooperation mit HEKS. Jeweils mittwochs 14 – 18 Uhr finden öffentliche Treffen statt. Am Samstag, 22. August steigt das Sommergartenfest von 18 – 22 Uhr. Alle Details zu Anlässen, Mitgliedschaften und Tarifen: arbongardening.ch und HEKS.ch/Neue-Gaerten-Ostschweiz.ch

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