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Der Weihnachtsmann und der Hase

Eine Weihnachtsgeschichte von Natascha Smits

Teil 1

Der Weihnachtsmann stapft mit schweren Schritten durch den Schnee. Auf dem Rücken trägt er einen grossen Sack, der mit Geschenken gefüllt ist. Der Weihnachtsmann schwitzt, nimmt einen Schritt nach dem anderen und brummt vor sich hin. «Es ist echt zum Mäuse melken», denkt er. Erst kürzlich hat er alle Rentiere und Wichtel zum Essen eingeladen. Artig haben sie ihm gegenüber Platz genommen und brav ihre Sprüchlein aufgesagt. Und jetzt Ende Jahr, Hochsaison? Ein Rentier ist im Elternurlaub. Okay, das war vorhersehbar. Ein anderes ist wegen Burnout ausgeschieden. Die Wichtel feiern Überstunden ab. Ha! Überstunden? Wovon den? Vom Homeoffice im Sommer? Sogar Rudolf hat ihn im Stich gelassen. Will seine Work-Life-Balance geniessen und macht unbezahlten Urlaub. «Ach, das geht mir so was von auf den Sack», denkt der Weihnachtsmann. Und der Ballast auf seinem Rücken erscheint tatsächlich gleich doppelt so schwer.

Plötzlich ist seine Aufmerksamkeit auf eine Spur im Schnee gelenkt. Was sind das für Pfotenabdrücke? Ein Hase? «Das muss wohl ein Schneehase sein», denkt sich der Weihnachtsmann. Er folgt den Spuren und vergisst dabei die Last, die auf seinen Schultern liegt. Sein Blick eilt voraus und folgt der Spur. Da vorne blitzt immer wieder etwas Blaues aus dem Schnee auf. Er geht schneller, holt auf und ruft: «Hallo. Hallo. Du da vorne, bleib mal stehen.» Schwer atmend erreicht er die Schneesenke, in der das Blaue verschwunden ist. Er schaut runter, was da im Schnee zu seinen Füssen hockt.

Ein blauer Hase hebt seine Schneebrille von der Nase und blinzelt ihn an. «Ach, sieh an, der Weihnachtsmann», sagt der blaue Hase. «Du kommst grad recht, ich wollte sowieso eine kurze Pause einlegen und in der Produktion nach dem Rechten sehen.» Der Weihnachtsmann schaut den blauen Hasen nur verdattert an. Der Hase hüpft über die nächste Schneewehe und ruft: «Komm Weihnachtsmann, wir sind direkt vor der Tür zu meinem Reich.» Der Weihnachtsmann folgt dem Hasen der ihm einladend die Tür aufhält. Beide treten ein und schütteln erst einmal den Schnee von sich. Der Weihnachtsmann schaut sich staunend um.

Teil 2

«Was, produzierst du hier?», fragt der Weihnachtsmann den Hasen. «Hauptsächlich Fertig-Eier», antwortet der. «Was sind den Fertig-Eier?», fragt der Weihnachtsmann. «Na, gekochte Eier, saisongerecht bemalt», erklärt der Hase stolz. «Ach so Eier», meint der Weihnachtsmann. «Dann bist du der Osterhase. Aber wieso bist du blau und was heisst hier saisongerecht bemalt? Du bist doch für Ostern zuständig.» Der Hase reicht dem Weihnachtsmann eine warme Schokoladenmilch. «Nein, schon lange nicht mehr. Hast du das nicht bemerkt? Neben Ostereiern produzieren wir hier auch zur Fasnacht, zu Sportanlässen, für den 1. August und eben auch für Weihnachten lustige Eier. Das ganze Jahr eben. Und blau bin ich, weil man in dieser Jahreszeit keinen Osterhasen sehen soll. Und weisse Hasen gibt es schon genug.»

Der Weihnachtsmann runzelt die Stirn: «Ich sitze das ganze Jahr über im Nordpol, wie soll ich da etwas mitkriegen», murmelt er mehr zu sich selbst. Dann schaut er den Hasen an und fragt: «Das kannst du doch kaum alles selbst bewerkstelligen. Wer hilft dir dabei?» Der Hase öffnet das grosse Tor zur Produktionshalle. «Hier sind 365 lustige Tage, die arbeiten das ganze Jahr. Nur der eine, der fällt alle paar Jahre mal aus. Aber das kennst du ja.» Liebevoll schaut er der produktiven Truppe zu. «Ja und ob ich das kenne», sagt der Weihnachtsmann. «Mir ist die gesamte Belegschaft ausgefallen. Ich kann doch auch nicht alles allein machen.»

Der Hase wendet sich wieder dem Weihnachtsmann zu und öffnet die nächste Tür. «Darf ich vorstellen: Meine Marketingabteilung. Die hat bestimmt eine Lösung für dein Problem», sagt er. «Ich kann sie dir kurz vorstellen. Das schillernde Ding da, ist die Fantasie. Der Kleine in schwarz, dort in der Ecke, ist der blinde Fleck. Die Zurückhaltende ist die Erfahrung. Das Bunte ist die Kreativität», führt er auf. Dann zur Gruppe gewandt: «Es fehlt noch einer. Wo ist die Erkenntnis?» Die Erfahrung antwortet: «Die Erkenntnis, die kommt doch immer zu spät.» – «Also macht euch mal Gedanken darüber, wie wir dem Weihnachtsmann helfen könnten», sagt der Hase zu seiner Marketingabteilung. Sofort beginnen alle darauf loszuplappern. «Ruhe», sagt der Hase und wendet sich dann an den blinden Fleck. «Du bist so still, blinder Fleck, was meinst du?» fragt er ihn.

Teil 3

Der blinde Fleck fasst in die Manteltasche und zieht eine Mappe hervor. «Hier ist bereits die Lösung dieses Problems.» – «Aha», sagt der Hase zum Weihnachtsmann. «Der blinde Fleck ist zwar blind, hat aber meist ungeahntes in seinem Mantel versteckt. Der sieht mehr als wir alle zusammen.» Er breitet den Plan auf dem Tisch aus und alle stecken ihre Köpfe zusammen. Sie schauen gleichzeitig wieder auf und sich gegenseitig an. Jeder weiss genau was zu tun ist und alle stürzen sich in die Arbeit. Doch… «He, wieso liegt hier Stroh?» fragt der Hase in den Raum und zeigt unter den Tisch. Die Kreativität tritt errötend vor: «Ich wollte Baumschmuck in Hasenform basteln.» Der Hase schüttelt den Kopf. «Nein, wir bleiben bei den Sternen aus Stroh», sagt er bestimmt und wendet sich wieder dem Weihnachtsmann zu. «Ja, genau so. Du füllst hier oben die Schokolade rein und dann kriegst du einen Nikolaus aus Schokolade. Hasen kann ja jeder», zwinkert er dem Weihnachtsmann zu. Von draussen hört man Glöcklein klingeln. Sie unterbrechen ihr tun und schauen nach, was das ist. Draussen steht die Fantasie, schillernd und ungezügelt. Hinter sich hat sie einen grossen Schlitten, der genauso funkelt wie sie. Die ganze Gruppe beginnt Geschenke, Schokoladen Nikolause, Eier und anderes auf den Schlitten zu laden. Als dieser schwer auf den Kufen liegt, steigt der Weihnachtsmann auf den Bock und die Fantasie galoppiert mit ihm davon. Alle winken dem Gefährt fröhlich nach. Dann geht der blaue Hase mit seiner Marketingabteilung wieder ins Warme. Ganz hinten im Büro öffnet sich eine Tür. Ein kleiner Weihnachtswichtel lugt verstohlen durch den Türspalt. «Ist er weg?» fragt er. «Ja», antwortet der Hase. «Ihr könnt jetzt alle wieder rauskommen.»

Die Tür öffnet sich und alle Wichtel und Rentiere betreten den Raum. Sie sind fröhlich, die meisten haben ein Gläschen in der Hand. Rudolf Rentier verschüttet etwas Eierlikör. «Nun denn», sagt der blaue Hase zu den Anwesenden. «Der Weihnachtsmann ist jetzt auf Schlittenfahrt. Bereiten wir unsere Weihnachtsabschlussfeier vor. Rudolf könntest du noch diesen Rorschachtest entfernen?» Er zeigt auf den Fleck am Boden. Das Rentier tut wie geheissen und schaut den Hasen dann fragend an. «Was meinst du, ist der Weihnachtsmann an einer Fusion interessiert, nach diesem kleinen Scherz, den wir hier mit ihm getrieben haben? Schliesslich hätten wir alle etwas davon, wenn die Arbeit ausgeglichen verteilt wird.» Der blaue Hase antwortet: «Die Motivation und der Humor sollen mal wieder aus dem Keller kommen. Wenn die dabei sind, klappt das.» Und schon hört man die Glöcklein vom Schlitten. Die Tür geht auf und neben der Fantasie betritt ein strahlender Weihnachtsmann den Raum. Sein Strahlen weicht grosser Verwunderung. «Was ist denn hier los,» fragt er in die Runde. «Wichtel und Rentiere?» Er schaut den Hasen hilflos an. Dieser legt ihm den Arm um die Schulter und erklärt: «Verzeih, lieber Weihnachtsmann, wir wollten dich mit dieser Aktion überzeugen, dass es ganz gut sein könnte, wenn wir alle zusammenarbeiten. So wäre die Last des Jahres auf alle Schultern verteilt und eben nicht nur saisonal hektisch.» Der Weihnachtsmann lacht: «In Ordnung. ihr habt mich überzeugt. Das wird ein spannendes neues Jahr.» Da klopft es an der Tür. «Wer kommt denn jetzt noch?» Der blaue Hase öffnet. Alle lachen, als sie sehen, wer da steht: das Happy End!

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