Emotionale und finanzielle Belastung nehmen zu
Sabine Moosmann
Adrian Straub, die vergangenen zwei Monate waren von mehreren Hitzewellen und wenig Niederschlag geprägt. Wie wirkt sich dies auf die Landwirtschaft im Oberthurgau aus?
Was man auf den ersten Blick sofort erkennt, sind die braunen Wiesen. Normalerweise haben wir fünf Schnitte im Jahr. Dieses Jahr fallen vermutlich zwei davon weg, weil das Gras aufgrund der Trockenheit einfach nicht wächst. Dies wirkt sich direkt auf die produzierte Futtermenge aus. Es gibt bereits jetzt einen Futtermangel und dieser wird sich vermutlich in den nächsten Wochen und Monaten noch verschärfen. Auch bei der Tierhaltung spielt die Hitze eine grosse Rolle. Die Tiere leiden unter Hitzestress und sind dadurch anfälliger für Krankheiten.
Aus anderen Landesteilen hört man alarmierende Berichte über erkrankte und leidende Tiere. Wie geht es dem Nutzvieh in der Region?
Den meisten Tieren geht es derzeit noch gut. Alle Betriebe versuchen mit verschiedenen Massnahmen wie Lüften, Wässern und Nachtweiden, den Tieren das Leben möglichst angenehm zu machen. Aber wie wir Menschen leiden auch die Tiere unter der Hitze. Es gibt zudem vermehrt Erkrankungen, die teilweise ganze Ställe betreffen. Wir wissen nicht genau, weshalb die Tiere erkranken, aber die Hitze scheint die Krankheiten zu verstärken.
Was kann man dagegen tun?
Man versucht, die Tiere medikamentös zu behandeln. Im Idealfall schlägt die Behandlung an und den Tieren geht es wieder gut. Es kann aber auch vorkommen, dass Tiere bereits vor der Behandlung verenden oder die Behandlung nicht anschlägt. Die Betriebe stehen somit vor einer grossen Herausforderung, müssen die Risiken und Konsequenzen abwägen und werden in einer ohnehin schwierigen Situation zusätzlich emotional und finanziell belastet. Denn für uns steht das Tierwohl an erster Stelle, gleichzeitig dürfen wir kranke oder medikamentös behandelte Tiere nicht schlachten und verwerten.
Wir werden uns aber wohl darauf einstellen müssen, dass es zukünftig vermehrt zu solchen Wetterextremen kommt.
Neben den Krankheiten ist auch der Futtermangel ein gross Thema. Wie gehen die Betriebe damit um?
Normalerweise würden wir jetzt Futter importieren. Die Dürre ist aber nicht nur eine regionale Problematik, sondern eine europa-, wenn nicht sogar weltweite Ausnahmesituation. Beispielsweise Frankreich, woher normalerweise ein grosser Teil des Futtermittels importiert wird, hat aufgrund der dortigen anhaltenden Dürre ein Exportverbot verhängt. Dazu kommt, dass einige Tiere bereits von den Alpen geholt werden mussten, weil dort ebenfalls das Futter und das Wasser ausgeht. Dies bedeutet dann wiederum, dass in den Betrieben mehr Futter gebraucht wird, das eigentlich nicht vorhanden ist oder als Reserve dient. Die daraus resultierende Massnahme ist das frühere Schlachten, was leider auch bereits angewendet werden muss.
Das ist aber die letzte Option. Was lässt sich vorher gegen die Futternot tun?
Kurzfristig gibt es einige Möglichkeiten. Beispielsweise kann das Futter für die Kühe mit Stroh gestreckt werden. Dies kann jedoch dazu führen, dass die Kühe ihre Leistung nicht mehr erbringen können.
Die Raufutterbörse, welche die Verteilung von Futter unter den Betrieben unterstützen soll, wurde vergangene Woche wieder eingeführt. Können die Betriebe noch auf weitere Optionen wie diese zurückgreifen?
Bezüglich des Futters werden wir stark vom Wetter abhängig sein. Je nach Regenmenge und Temperaturen werden wir vielleicht einen Schnitt mehr als üblich machen können und die Raufutterernte verlängern. Ansonsten versuchen wir, mit der Raufutterbörse die Betriebe zu unterstützen. Das wird aber nicht so einfach.
Warum?
Es gibt zwar Regionen, die nicht so stark betroffen sind, und einige Betriebe, die noch Reserven haben. Diese Reserven werden sie aber vermutlich in den kommenden Monaten selbst benötigen. Das Positive an der Situation ist, dass man den Zusammenhalt zwischen den Betrieben täglich spüren kann. Und neben allen negativen Aspekten kann man die Situation auch als Chance nutzen. Beispielsweise wird der Austausch zwischen den Betrieben über die Region hinaus und die Auseinandersetzung mit alternativen Anbauprodukten gefördert.
Sie gehen also davon aus, dass dieser Hitzesommer keine Ausnahme ist?
Nein, es ist definitiv eine Ausnahme. Wir werden uns aber wohl darauf einstellen müssen, dass es zukünftig vermehrt zu solchen Wetterextremen kommt. Das Gute ist, dass wir das Wetter nicht langfristig voraussagen können und niemand von uns das Wetter bestimmen kann. Wir müssen das Wetter einfach nehmen, wie es kommt, und die jeweilige Situation mit unseren Möglichkeiten bewältigen.
Wird es notwendig sein, die Landwirtschaft in der Region anzupassen?
Wir profitieren definitiv davon, dass wir gute Böden haben, die Wasser gut speichern können. Dadurch wurde der Oberthurgau nicht ganz so stark getroffen. Das hilft jedoch nur begrenzt. Wir wissen nicht, ob es beispielsweise einen sommerlichen Herbst geben wird oder ob darauf ein harter Winter folgt. Vielleicht ist der harte Winter nur kurz und der Frühling dafür umso milder. Wir wissen es schlichtweg nicht und können derzeit nur reagieren. Das Ziel muss sein, dass wir irgendwann mit unseren Strukturen so weit sind, dass wir bei solchen Wetterextremen nicht nur reagieren, sondern agieren können und die Auswirkungen möglichst klein gehalten werden können. Konkrete Anpassungen gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist aber wichtig, dass wir in den nächsten Jahren alles Notwendige tun, um die heimische Landwirtschaft langfristig zu erhalten und fördern. Bei gewissen Produkten sind wir ohnehin schon auf Importe angewiesen, da wir diese bei uns nicht anbauen können. Umso mehr müssen wir zu unserer Eigenständigkeit Sorge tragen.
Wir haben nun viel über die Tiere gesprochen. Wie prekär ist die Lage beim Obst- und Gemüseanbau?
Beim Obstanbau sind die Folgen ebenfalls deutlich zu erkennen, insbesondere bei den Bauernhöfen, die nicht bewässern können. Beim Gemüse sind die Auswirkungen derzeit nicht ganz so gross, da beim Gemüseanbau meist eine Bewässerungsanlage vorhanden ist und diese auch genutzt wird. Jedoch entstehen auch hier Mehraufwand und höhere Kosten.
Wäre die diesjährige Obsternte mit Bewässerung noch zu retten?
Nein, nicht wirklich. Die Obstbäume, die bisher nicht bewässert wurden, haben bereits kleinere Früchte, und dies wird sich auch nicht mehr ändern. Die Früchte fallen bereits, zu klein und unreif, von den Bäumen. Die Blätter trocknen langsam aus und verfärben sich. Es ist nun vor allem wichtig, die Bäume zu bewässern, damit sie genügend Kraft haben, um im nächsten Jahr wieder zu blühen.
Also wird das kostbare Wasser nun für die Bewässerung für nächstes Jahr verwendet?
Ja, werden die Bäume jetzt nicht bewässert und hält die Hitze weiter an, werden viele Bäume nachhaltig geschädigt sein. Wer also die Möglichkeit hat, sollte bewässern und die Pflanzen damit stärken. Hierfür arbeiten wir mit Arbon Energie, der Wasserkooperation Roggwil und den Gemeinden an Lösungen. Der Fokus liegt dabei darauf, die Bewässerung in den nächsten Jahren zu erleichtern. Aus den umliegenden Flüssen kann und darf teilweise gar kein Wasser mehr entnommen werden. Das Amt für Umwelt hat jedoch die Freigabe zur Wasserentnahme aus dem Bodensee erteilt. Dafür laufen derzeit einige Gespräche. Die Stadt Arbon zeigte sich beim Thema Bewässerung eher zurückhaltend und möchte die Wasserentnahme am Bodensee nicht ermöglichen. Die Entnahme durch die einzelnen Betriebe würde zu einem verstärkten Verkehrsaufkommen am Seeufer führen. Zudem hätte dies Auswirkungen auf den Tourismus.
Können Sie abschliessend eine Prognose für die kommenden Wochen und Monate stellen?
Weil es so trocken ist, können nun auch keine weiteren Produkte ausgesät werden. Diese fehlen dann wiederum, egal ob es sich um Futter für die Tiere oder um Produkte für den Verkauf handelt. Für die Betriebe entstehen dadurch weitere Kosten. Welche Auswirkungen letztlich noch dazukommen und wie stark diese ausfallen werden, hängt aber auch davon ab, wie sich das Wetter in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt. Da niemand neue Tiere kauft, wenn er die, die er hat, schon nicht ernähren kann, ist der Nutzviehmarkt im Moment sehr ruhig. Wenn im kommenden Jahr aber wieder Tiere benötigt werden, könnten die Preise stark steigen. Dasselbe gilt für Futter, sollte die Hitzewelle anhalten und nächstes Jahr wieder kommen. Wie sich die Milchpreise entwickeln werden, ist schwierig zu sagen und wie gross die Auswirkungen beim Obst im Endeffekt sind, sehen wir bei der Ernte im Herbst. Nächstes Jahr können wir dann auch mehr dazu sagen, wie sehr die Pflanzen und Bäume unter der Hitze gelitten haben.