«Die Kreativität bleibt bei mir»
Kim Berenice GeserSandro Parissenti, wo setzen Sie KI in Ihren Unternehmen ein?
Grundsätzlich überall. Für Social Media, die Pflege der Onlineshops oder um bei Kunden nachzufragen, ob sie mit einem Kauf oder Service zufrieden waren. Auch die Akquise neuer Kunden und die Personaleinteilung für die Messe-Saison mache ich mit KI.
Nur die Velos flicken Sie nicht mit KI.
In gewisser Weise schon. Wir nutzen KI für die Produktrecherche. Welche Achse passt auf welche Gabel? Bei Velos gibt es kaum Normen. Ausserdem hilft sie uns im Velohandel bei der Vororder: Wie viel müssen wir einkaufen, um gute Rabatte zu erhalten, ohne ein zu grosses finanzielles Risiko einzugehen?
Sie haben fünf Unternehmen. Wäre das ohne KI überhaupt möglich?
Für mich nicht. All diese Projekte könnte ich ohne KI nicht stemmen. Früher habe ich Analysen und Prognosen mit Excel gemacht. Das konnte ich gut und habe es auch gern gemacht, aber es hat einfach Zeit gekostet. Ich bin vielleicht auch relativ faul: Büroarbeit mache ich nicht gern zweimal. Deshalb habe ich heute eine Zehn-Minuten-Regel.
Wie funktioniert die?
Sich wiederholende Arbeit versuche ich zehn Minuten lang, mit KI zu lösen. Sehe ich, dass es in eine gute Richtung geht, mache ich weiter. Wenn nicht, lasse ich es bleiben und probiere es beim nächsten Mal wieder. Die Modelle entwickeln sich inzwischen so schnell, dass etwas, das heute nicht funktioniert, übermorgen bereits möglich sein kann.
«Für jede meiner Firmen habe ich der KI eine eigene Kundenansprache, eine andere Tonalität beigebracht.»
KI übernimmt bei Ihnen auch das Schreiben von Mails oder Blog-Einträgen. Ist da dann überhaupt noch etwas von Ihnen drin?
Es ist ein Trugschluss zu denken, nur weil die KI schreibt, sei der Text nicht von mir. Der Kopf, die Idee und die Kreativität bleiben bei mir. Das ist auch das, was Spass macht. Die KI übernimmt danach das Mühsame. Für jede meiner Firmen habe ich der KI eine eigene Kundenansprache, eine andere Tonalität beigebracht. Sie schreibt für digital skill anders als für beic. Gleichzeitig nimmt sie mir das Denken nicht ab. Im Gegenteil: Ich muss prüfen, ob das Resultat wirklich das ist, was ich sagen will.
Eine KI richtig zu trainieren braucht Zeit und Know-how. Warum plädieren Sie dafür, hier gezielt zu investieren?
Das Potenzial ist enorm. Beim Landwirt sind es Ernteerträge, beim Handwerker Offerten und Rechnungen, bei uns Verkaufszahlen und Bestellungen. Zahlen, Daten und Fakten, deren Auswertung unverzichtbar ist, aber von der KI übernommen werden kann. Die KMU in der Region sind richtig gut und haben ihr Handwerk im Griff. Sie sollten ihre Fähigkeiten nicht mit administrativem Zeug vergeuden, sondern sich um ihre Kunden kümmern.
Sie sehen in der KI also eine konkrete Chance für den Detailhandel?
In der Kundenbetreuung bringt sie uns sogar riesige Chancen. Nehmen wir als Beispiel beic: Wir sind inklusive Lernendem ein Zweieinhalb-Personen-Betrieb. Uns fehlt schlicht die Zeit, alle Verkaufsdaten von Hand auszuwerten. Künftig können wir mit KI Kunden automatisch daran erinnern, wenn bei ihrem E-Bike wieder ein Service sinnvoll wäre. Oder wenn eine Garantie bald abläuft, um allfällige Schäden noch rechtzeitig beim Hersteller anzumelden. Wir verbessern so unseren Kundenservice und schaffen gleichzeitig eine Differenzierung gegenüber dem Onlinehandel.
«Die Einführung von KI ist ein Organisationsentwicklungsprojekt.»
Heisst mehr Effizienz am Ende auch weniger Arbeitsplätze?
Die gewonnene Zeit sofort in den Stellenabbau umzurechnen, finde ich nicht clever. Dann habe ich nur Kosten gespart, bin aber nicht besser geworden. Gerade als KMU sollten wir die gewonnenen Ressourcen nutzen, um Kunden besser zu beraten.
Apropos Beratung: Sie beraten Unternehmen bei der Einführung von KI. Wie ist Ihre Einschätzung: Ist KI im Geschäftsalltag angekommen?
Ja, aber auf einem Niveau, das noch keinen Mehrwert bringt. Viele erleben zuerst diesen Wow-Effekt: Krass, was alles möglich ist. Dann beginnen sie, stossen auf Limitationen und hören wieder auf, bevor es wirklich sinnvoll wird. Gleichzeitig geben Unternehmen ihren Mitarbeitenden oft keine Leitplanken, weil sie noch nicht bereit sind. Die Einführung von KI ist ein Organisationsentwicklungsprojekt. Es muss geklärt sein, wann sie wie genutzt werden darf. Solange das nicht der Fall ist, bewegen sich die Menschen in einer Grauzone. Und dort bewegen sie sich nicht gerne.
Gerade bei Unternehmens- und Personendaten ist die Arbeit mit KI heikel. Wie lösen Sie das?
Indem wir unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Aufgaben verwenden. Öffentliche Modelle nutzen wir für öffentliche Inhalte, Bild- und Videogenerierung. Dinge, die nicht nach draussen dürfen, laufen in einer abgeschotteten Umgebung bei einem Schweizer Anbieter. Das Setup ist entscheidend für die Sicherheit.
«Wir können entscheiden, was wir aus der Technologie machen.»
Gibt es etwas, das Sie nie an eine KI delegieren würden?
Einen Liebesbrief schreiben. Auch Musik und Kunst. Das gehört uns Menschen. Die KI ist zum Arbeiten da.
Ihre Prognose: Wird KI in fünf oder zehn Jahren die regionale Wirtschaft grundlegend verändert haben?
Für mich ist das vergleichbar mit dem Anfang des Internets. Damals war ich gerade etwas zu jung, um unternehmerisch richtig damit zu spielen. Jetzt können wir mitmachen. Wir können entscheiden, was wir aus der Technologie machen.
Zu den Gewinnern werden also diejenigen gehören, die sich jetzt entschliessen mitzuziehen?
Man kann auch noch ein Jahr warten. Aber als KMU kann man sich heute einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, wenn die Mitbewerber noch schlafen.
Dieser Beitrag ist im Rahmen der Wirtschaftsbeilage 2026 erschienen.