zum Inhalt springen

·

Zur Artikelübersicht

«Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt»

Vor etwas mehr als fünf Jahren starteten die Ostschweizer Martina und Tobias Baumeler auf ein grosses Abenteuer. Ohne fixen Plan fuhren sie mit ihrem umgebauten Landrover Defender Olga Richtung Naher Osten und dann nach Afrika. Ihre Erlebnisse haben sie dokumentiert und nun zu einem Film verarbeitet, den sie in Arbon zeigen.

Sabine Moosmann

Wie wurden aus Reiseträumen eine Reise über mehrere Kontinente?

Martina Baumeler: Toby hatte schon rund zehn Jahre vor unserer Abreise den Traum, mit einem eigenen Fahrzeug und ohne zeitliche Begrenzung die Welt zu entdecken. Mit seiner Reiselust hat er mich angesteckt und irgendwann wurde aus seinem unser gemeinsamer Traum. Entscheidend war, dass wir irgendwann aufgehört haben, nur davon zu träumen, und angefangen haben, konkret zu planen. Denn Gründe, weshalb gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, gibt es immer.

Ihr seid losgefahren, um Freiheit zu finden. Habt ihr sie gefunden?

Ja und nein. Wir haben unglaublich viele Momente erlebt, in denen wir uns vollkommen frei gefühlt haben. Morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, wo wir am Abend schlafen werden, spontan unsere Pläne zu ändern oder einfach dort zu bleiben, wo es uns gefällt. Diese Planlosigkeit und Offenheit haben wir sehr genossen. Gleichzeitig haben wir aber auch festgestellt, dass es immer eine gewisse Fremdbestimmung gibt, egal wo man sich befindet. Auch auf einer Weltreise gibt es Grenzen, Regeln, Verpflichtungen und Umstände, die man nicht beeinflussen kann. Wenn man sich davon ständig einschränken lässt, verliert man das Gefühl von Freiheit ziemlich schnell.

Was was der Höhepunkt der Reise?

Die Wüsten haben uns unglaublich fasziniert. Die Weite, die Stille, die Einfachheit und die völlige Abgeschiedenheit. Dort draussen reduziert sich das Leben auf wenige Dinge: Wasser, Essen, Treibstoff, einen sicheren Weg und das Vertrauen ineinander und in unser Fahrzeug. Alles andere, was im Alltag oft so wichtig erscheint, rückt plötzlich in den Hintergrund.

Was war die grösste Herausforderung?

Sicherlich unser schwerer Unfall in der Türkei, bei dem sich unser Land Rover überschlagen hat, und unsere Inhaftierung in Äthiopien. Beides waren Situationen, die wir uns niemals hätten vorstellen können und auf die man sich auch nicht wirklich vorbereiten kann.

Ihr habt diese Reise ursprünglich für euch selbst dokumentiert. Jetzt habt Ihr einen Film aus dem Material gemacht. Was sieht das Kinopublikum, was man in den Sozialen Medien bisher nicht sah?

Wir wollten unsere Erlebnisse und Erinnerungen festhalten, ohne den Gedanken, daraus irgendwann einen Kinofilm zu machen. Mit der Zeit haben wir aber gemerkt, wie viele aussergewöhnliche Geschichten wir mit unserer Kamera eingefangen haben. Geschichten, die es wert sind, mit anderen Menschen geteilt zu werden. Auch für Menschen, die unsere Reise schon auf Instagram verfolgt haben, gibt es im Film viel Neues zu entdecken. Wir zeigen deutlich mehr, gehen näher auf die schwierigen Momente ein und lassen das Publikum auch an unseren persönlichen Gedanken und Gefühlen teilhaben.

Würdet Ihr anderen eine solche Reise empfehlen?

Macht es! Wirklich! Es gibt immer Gründe, die dagegen sprechen, und wahrscheinlich wird es nie den perfekten Zeitpunkt geben. Aber wenn es dein Traum ist, dann verfolge ihn auch. Eine solche Reise erweitert den Horizont auf eine Art, die man kaum beschreiben kann.

Gab es einen Moment, in dem ihr am liebsten nach Hause geflogen wärt, und was hat euch davon abgehalten?

Tatsächlich nicht. Auch in den schwierigsten Situationen hatten wir nie ernsthaft den Wunsch, unsere Reise abzubrechen. Von Freunden und Familie kam hingegen immer wieder die Frage, ob es jetzt nicht langsam genug sei. Gerade nach unserem Unfall oder anderen schwierigen Erlebnissen hörten wir öfter: «Jetzt reicht es doch, kommt nach Hause!» Für uns überwogen aber immer die positiven Erlebnisse. Nach jedem Tief kam irgendwann wieder ein Hoch. Und wir waren dann jeweils voller Optimismus und überzeugt, dass jetzt bestimmt nichts Schlimmes mehr passieren würde. Auch wenn wir mit dieser Einschätzung nicht immer richtig lagen. Unsere Neugier auf die Welt war einfach noch lange nicht gestillt. Es gab noch so viel zu entdecken und die Begegnungen mit den Menschen waren für uns immer wieder unglaublich bereichernd.

Der Filmtitel heisst «IMMER WEITER». Gibt es Situationen, in denen Weitermachen nicht mutig, sondern einfach nur stur ist?

Aus Sicht unserer Familien vielleicht schon.Wir selbst haben das aber anders empfunden. Für uns bedeutet «immer weiter» nicht, um jeden Preis an einem ursprünglichen Plan festzuhalten. Wir mussten unsere Pläne unzählige Male ändern, Umwege machen, Probleme lösen und uns immer wieder neu orientieren. Was wir hingegen nie aufgegeben haben, war unser Wunsch, diese Reise weiterzuführen. Wir sehen es als eine unserer Stärken, auch dann nicht aufzugeben, wenn die Umstände schwierig werden. Dabei geht es nicht darum, jedes Risiko einzugehen oder Warnsignale zu ignorieren, sondern darum, sich von Schwierigkeiten nicht sofort entmutigen zu lassen. Die Erfahrungen auf unserer Reise haben uns darin unglaublich gestärkt. Wir wissen heute, dass wir gemeinsam viel mehr bewältigen können, als wir uns früher zugetraut hätten.

Ihr habt während der Reise von der ungeplanten Schwangerschaft erfahren. Wie hat sich dies auf eure Reisepläne ausgewirkt?

Die Schwangerschaft hat tatsächlich alles auf den Kopf gestellt. Kurz zuvor hatten wir uns entschieden, entlang der Westküste Afrikas zurück nach Europa zu reisen. Mit der Schwangerschaft war plötzlich klar, dass dieser Plan kaum mehr realistisch war. Wir wollten aber nicht überstürzt entscheiden und sofort alles abbrechen. Deshalb haben wir uns bewusst Zeit gelassen, die neue Situation anzunehmen und unsere Reise vorerst weiter zu geniessen. Erst einige Monate später stand unser neuer Plan fest: Martina würde nach Hause fliegen und alles für die bevorstehende Geburt vorbereiten. Toby sollte mit Olga auf möglichst direktem Weg zurück in die Schweiz fahren. Unsere Reise bekam damit plötzlich ein ganz anderes Ziel. Statt einfach weiter die Welt zu entdecken, ging es nun darum, rechtzeitig gemeinsam zu Hause anzukommen und uns auf unser neues Abenteuer als Familie vorzubereiten. Am Ende wurde es ziemlich knapp: Nur zwei Wochen nach unserer Rückkehr kam unser erster Sohn Lio zur Welt.

Neben allen Abenteuern und schönen Erlebnissen habt ihr auch schwierige Zeiten wie beispielsweise einen schweren Unfall und einen Gefängnisaufenthalt erlebt. Was haben diese Erfahrungen mit euch gemacht?

Wir haben vor allem gelernt, schwierige Situationen Schritt für Schritt anzugehen. Wenn man plötzlich vor einem riesigen Problem steht, kann es einen völlig überfordern, wenn man versucht, sofort die ganze Lösung zu finden. Uns hat geholfen, uns immer wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und uns zu fragen: Was können wir als Nächstes tun? Wir haben auch gelernt, dass es für unglaublich viele Probleme eine Lösung gibt. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben, aber meistens findet sich irgendwann ein Weg. Und wir haben gemerkt, dass uns schwierige Erfahrungen nicht zwangsläufig zerbrechen. Im Gegenteil: Sie können uns stärken. Natürlich waren nicht alle Erlebnisse schön und wir würden gewisse Erfahrungen auch nicht noch einmal machen wollen. Aber das Wissen, dass wir selbst sehr schwierige Situationen gemeinsam meistern können, gibt uns heute unglaublich viel Vertrauen und Gelassenheit.

Beim Filmabend bei «Insel auf Rädern» beantwortet ihr im Anschluss Fragen. Können Sie uns vorab einen Tipp für die Planung einer solchen Reise verraten?

Nicht alles bis ins letzte Detail verplanen. Lass Raum für Spontanität, unerwartete Begegnungen und neue Möglichkeiten. Gerade die ungeplanten Erlebnisse waren für uns oft die schönsten und bereicherndsten. Es geht nicht darum, möglichst viele Länder oder Sehenswürdigkeiten abzuhaken, sondern sich wirklich auf das Unbekannte einzulassen.

Würdet ihr nochmals so ein Abenteuer wagen?

Nicht würden, sondern werden! Ganz bestimmt! Unsere Reiselust und unsere Neugier auf die Welt sind nach wie vor riesig. Wir können uns sehr gut vorstellen, in einigen Jahren mit unseren beiden Jungs wieder zu einem grossen Abenteuer aufzubrechen. Unsere Reise hat uns gezeigt, wie bereichernd es ist, die Welt zu entdecken, Neues zu wagen und sich auf das Unbekannte einzulassen. Genau diese Erfahrungen und diese Offenheit möchten wir auch unseren Kindern mitgeben. Wir freuen uns schon jetzt darauf, die Welt gemeinsam als Familie zu entdecken.

Martina und Tobias Baumeler reparieren ihren Defender «Olga» auf einem Parkplatz in Saudi-Arabien.
Martina und Tobias Baumeler reparieren ihren Defender «Olga» auf einem Parkplatz in Saudi-Arabien.
© z.V.g.

Was macht ihr heute?

Heute leben wir mit unseren beiden Jungs Lio und Nino in der Ostschweiz. Unser Alltag ist mittlerweile ziemlich anders als während unserer Reise, aber langweilig wird es uns definitiv nicht. Wir arbeiten beide in einem kleinen Teilzeitpensum und bauen gleichzeitig mit «BAUMELER erleben» unsere Selbständigkeit auf. In den vergangenen Jahren haben wir unglaublich viel Zeit und Herzblut in die Produktion unseres Kinofilms «IMMER WEITER – Über Grenzen hinaus» gesteckt. Aus den vielen Stunden Filmmaterial unserer Reise ist ein rund 100-minütiger Dokumentarfilm entstanden, der seit September 2026 in den Schweizer Kinos zu sehen ist. Es ist ein unglaubliches Gefühl, unsere Geschichte nun auf der grossen Leinwand mit anderen Menschen teilen zu dürfen. Daneben möchten wir unsere Erfahrungen auch bei Vorträgen, Veranstaltungen und Führungsschulungen weitergeben. Dabei geht es uns neben dem Reisen vor allem um Themen wie Mut, Veränderung, den Umgang mit Herausforderungen und das Verlassen der eigenen Komfortzone. Besonders wichtig ist uns aber auch, viel Zeit als Familie verbringen zu können. Wir haben uns bewusst für ein Lebensmodell entschieden, das uns ermöglicht, unsere Kinder intensiv zu begleiten und gleichzeitig unsere eigenen Ideen und Projekte zu verwirklichen. Und natürlich schmieden wir bereits wieder neue Reisepläne. Unsere Abenteuerlust ist mit der Geburt unserer Kinder jedenfalls nicht verschwunden. Sie hat einfach eine neue Form angenommen.

Ein Treffpunkt für Reisebegeisterte

Am 29. Oktober, von 18 bis 23 Uhr, findet in den Räumlichkeiten von «Insel auf Rädern», in der Zelgstrasse 14, in Arbon der Filmabend «Immer weiter – über Grenzen hinaus» statt. Dieser Film begleitet Martina und Tobias Baumeler, bekannt als «olgaontour», auf ihrer Reise über drei Kontinente. Im anschliessenden Live-Talk berichten die beiden von ihren Reiseerfahrungen und beantworten Fragen aus dem Publikum. Der Filmabend ist der Auftakt einer geplanten Reihe. Daniel Camen, Gründer von «Insel auf Rädern» hat seine Reisebegeisterung zum Beruf gemacht und individualisiert Camper-Anhänger. Seine Räumlichkeiten möchte er zukünftig für weitere Veranstaltungen nutzen und einen Ort der Begegnung schaffen. Mit Filmvorführungen und Vorträgen sollen gehaltvolle Abende gestaltet werden, die Interessierte zusammenbringen und inspirieren. Tickets und weitere Informationen gibt es unter www.eventfrog.ch.

Anzeigen