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Für ihn gab es nur einen Traumberuf

Mit 30 Jahren bereits Pfarrer – und das aus voller Überzeugung. Michael Röll, das jüngste Mitglied der evangelischen Kirchgemeinde Arbon, spricht mit Sekundarschüler Luis Meyer über die Herausforderungen seines Berufs, seine besondere Verbindung zur Schweiz und seine Pläne, um auch junge Menschen für die Kirche zu begeistern. 

Luis Meyer

Michael Röll, Sie sind erst 30 Jahre jung und bereits Pfarrer. War das also schon als Kind Ihr Berufswunsch? 

Nein. Es hat sich erst spät herauskristallisiert, dass ich Pfarrer werden möchte – ungefähr im Alter von 19 Jahren. Es war im Rahmen einer Berufsmesse, nachdem ich einen Vortrag über das Theologiestudium hörte. In diesem Moment war für mich klar: Ich will nichts anderes mehr und genau das machen: Theologie studieren und später Pfarrer werden.

Was sind die grössten Herausforderungen auf dem Weg zum Pfarrer?

Der Weg zum Pfarrer ist sehr lang und allgemein herausfordernd. Man muss zum Beispiel drei Sprachen lernen. Zu denen gehören Latein, Altgriechisch und Hebräisch. Allein das Bibelstudium verlangt dir schon das Altgriechisch und Hebräische ab, damit du die Texte überhaupt übersetzen und auslegen kannst. Nach sechs bis sieben Jahren und zahlreiche Prüfungen hat man den Magister in Theologie. Und dann kommen als nächstes natürlich die Herausforderungen, die im Pfarralltag auf dich warten.

Welche sind das?

Du arbeitest mit verschiedenen Menschen zusammen. Du begleitest sie durch Leid und Schmerz ebenso wie in Freude. Dies erfordert ständig die Frage: Was brauchen die Menschen von mir? Was braucht die Kirche, um mehr Menschen zu erreichen? Es ist nötig, sich immer wieder neu auszurichten und sich selbst zu hinterfragen. Das finde ich persönlich eine Herausforderung und ein Privileg zugleich. 

Was war Ihr Lieblingsfach im Studium? 

Das ist schwer zu sagen, weil der Reiz der Theologie für mich darin liegt, dass erst alle Fächer zusammen ein ganzes Bild ergeben. Diese Gesamtschau der einzelnen Disziplinen hat mich immer fasziniert. Wenn ich mich jedoch auf einen Schwerpunkt festlegen müsste, dann würde ich sagen die Dogmatik.

Zwischen Glaube, Musik und Bewegung

Michael Röll ist Pfarrer in der evangelischen Kirche Arbon mit dem Schwerpunkt Kinder- und Familienarbeit. Seit Ende des vergangenen Jahres lebt er in der Schweiz. Aufgewachsen ist er im Norden Bayerns, in einem kleinen Ort in Oberfranken. Sein Theologiestudium absolvierte er in Erlangen und Neuendettelsau. Der 30-Jährige begeistert sich vor allem für sportliche Aktivitäten, allen voran das Velofahren, sowie für Musik – eines seiner grössten Hobbys. Er spielt vor allem Gitarre, aber auch Klavier, Schlagzeug und Bass. In seiner Freizeit trifft er sich gerne mit Freunden, um gemeinsam zu musizieren oder Sport zu treiben.

Was ist Dogmatik?

Die Dogmatik fragt nach der Plausibilität und Begründbarkeit sowie der historischen Entstehung von Glaubensinhalten. Ein einfaches Beispiel: Wer war Jesus Christus? War er Mensch? War er Gott? Wie können wir theologisch und wissenschaftlich darüber sprechen, was Menschen glauben und wer Jesus Christus für sie ist?

Diesen Fragen widmen Sie sich nun in Arbon. War der Umzug von Oberfranken hierher für Sie schwierig?

Natürlich gibt es viele Herausforderungen. Es ist nicht einfach, die gewohnte Umgebung, Freunde und Familie zu verlassen und so eine grosse Distanz zu überwinden. Aber dadurch, dass ich hier so herzlich aufgenommen wurde und viele nette Menschen in der Gemeinde kennenlernte, habe ich mich schnell eingelebt. Diese Unterstützung war besonders wichtig in einer Zeit des Umbruchs, in der vieles noch ungewiss war. Ich bin in die Schweiz gekommen, weil dieses Land seit meinem Studium ein Sehnsuchtsort war.

Warum reizt Sie die Schweiz so sehr? 

Aus vielen Gründen: die wunderschöne Landschaft, die Art und Weise, wie die Gesellschaft politisch aufgestellt ist und wie die Menschen wahrgenommen werden. Aber es gibt auch einen rein gefühlsmässigen Aspekt – einfach dieses Gefühl, dass dieses Land und seine Landschaften eine besondere Stellung in der Welt haben. Irgendwie zieht es mich hierhin.

Der junge Pfarrer und der noch jüngere Journalist tauschen sich während des Interviews über ihr gemeinsames Hobby, die Musik, aus. Beide engagieren sich in der neuen Kirchenband, die bald ihr Bühnendebüt feiern wird.
Der junge Pfarrer und der noch jüngere Journalist tauschen sich während des Interviews über ihr gemeinsames Hobby, die Musik, aus. Beide engagieren sich in der neuen Kirchenband, die bald ihr Bühnendebüt feiern wird.
© Kim Berenice Geser

Wie war Ihr erster Eindruck von der evangelischen Kirchgemeinde Arbon? 

Ich bin am 1. Dezember hier angekommen, also vor ein paar Monaten, und bin direkt in die dichteste Zeit des Jahres mit Advent und Weihnachten hineingekommen. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, ganz viel kennenzulernen. Zum Beispiel habe ich beim Adventsmarkt viele Leute getroffen und durfte viel miterleben. Mein Start war daher sehr positiv. 

Wie sieht Ihr typischer Alltag als Pfarrer aus? 

Das Interessante ist, dass es eigentlich keinen typischen Alltag gibt – und das ist eine der grössten Chancen dieses Berufs. Jeder Tag sieht ein bisschen anders aus. An einem Tag bist du früh in der Schule, am nächsten steht ein längeres Gespräch an und am übernächsten Tag hast du mehrere unerwartete Telefonate. Es gibt viele wiederkehrende Aufgaben, die zum Grundgerüst des Berufs gehören, wie zum Beispiel Gottesdienste halten, Predigten vorbereiten oder die Kinder- und Minikirche planen – also all die regelmässigen Anlässe, die entweder monatlich, alle zwei Wochen oder sogar jede Woche stattfinden. Und dann gibt es eben immer wieder auch aussergewöhnliche Aufgaben, die hinzukommen und den Beruf so spannend machen.

Gibt es neue Projekte, die Sie in Zukunft umsetzen möchten? 

(schmunzelt) Also zunächst bin ich gut mit meiner Arbeit bedient. Es gilt jetzt in die ganze Kinder- und Familienarbeit reinzukommen und die Strukturen der Gemeinde kennenzulernen. Deswegen bin ich zumindest in der ersten Zeit zurückhaltend damit, viel Neues zu starten. Es geht für mich jetzt darum, das Bewährte, das, was da ist,  kennenzulernen und mich einzufinden. Ein Projekt ist aber tatsächlich schon in Planung.

Was ist das für eines?

Wir sind mitten in der Planung für eine Jugend-Kirchenband, der man vielleicht schon im Gottesdienst am 27. April, um 19 Uhr lauschen kann.

«Ich bin überzeugt, die Kirche und das, was sie bietet, werden nie an Relevanz verlieren.»
Michael Röll

Sie engagieren sich stark in der Kinder- und Familienarbeit. Ist das Teil Ihres offiziellen Aufgabenbereichs oder ein persönliches Anliegen?

Beides! Die Arbeit mit Kindern und Familien war es, die mich schwerpunktmässig hierher gebracht hat. Das ist ein ganz grosses Feld, das immer wieder persönliches Engagement erfordert. Ich schätze es sehr, mich darauf konzentrieren und mich dafür engagieren zu können. Es ist mir wichtig, junge Leute zu begeistern und sie in ihrer jeweiligen Lebenssituation abzuholen. 

Wie schaffen Sie es, junge Menschen für die Kirche zu begeistern? 

Für mich bedeutet das vor allem, sie in ihrer Art und Weise zu schätzen und auf das einzugehen, was sie gerade brauchen. Das kann zum Beispiel heissen, viel zu spielen, zu basteln, zusammen zu singen und einfach eine gute Zeit zu haben. Bei der Minikirche und der Kinderkirche gehört auch dazu, dass es etwas zu essen und zu trinken gibt und wir eine gute Gemeinschaft erleben. Dabei lässt sich dann auch die biblische Erzählung spielerisch erleben. 

Was sind Ihre Ziele in der evangelischen Kirchgemeinde Arbon?

Über die Jahre hinweg möchte ich immer besser darin werden, kirchliche Angebote weiterzuentwickeln, zu schauen, was die Zeit von uns verlangt und was die Ortschaft sowie die Kirchgemeinde von uns braucht.

Michael Röll stellt sich den Fragen von Nachwuchsjournalist Luis Meyer im gemütlich eingerichteten Aufenthaltsraum des evangelischen Pfarreihauses.
Michael Röll stellt sich den Fragen von Nachwuchsjournalist Luis Meyer im gemütlich eingerichteten Aufenthaltsraum des evangelischen Pfarreihauses.
© Kim Berenice Geser

Was motiviert Sie jeden Tag aufs Neue, in die Kirche zu gehen und Ihre Arbeit zu machen?

Ich bin überzeugt, die Kirche und das, was sie bietet, werden nie an Relevanz verlieren. Sie begleitet Menschen in den schönsten Momenten ihres Lebens und hilft ihnen, diese als etwas Geschenktes zu deuten. In Dankbarkeit solche Momente erleben zu dürfen, erfüllt mich unglaublich. Und auch im Schmerz finden wir im Horizont der Botschaft eines liebenden Gottes gemeinsam neue Wege. Das ist für mich eines der grössten Privilegien, die man überhaupt haben kann, und es motiviert mich, weiterhin für die Kirche und den Glauben einzutreten. Ich bin überzeugt, dass der Glaube auch in dieser modernen Welt noch etwas zu sagen hat.

Pfarrer ist einer der Berufe, die man abends nicht mit der Uniform ablegt. Wie finden Sie persönlich Ihren Ausgleich zum Berufsalltag? Oder brauchen Sie den gar nicht? 

Es ist immer wieder wichtig, Räume zu haben, in denen man ganz für sich sein kann. Es kann ein Spaziergang sein, bei dem man einfach mal ganz allein die Landschaft erkundet, oder auch der Sport, der einen Ausgleich zu allem bietet, was im Alltag gerade ansteht. Es sind auch die Menschen, die man trifft, bei denen man mal nicht über Kirche oder andere Themen spricht, die einen gerade beschäftigen. Diese Räume sind für mich wichtig.

Schnuppertage beim «felix.»

Luis Meyer ist 13 Jahre jung und geht in die zweite Sekundarschule im Reben 25 in Arbon. Weil er den Dingen gerne auf den Grund geht und mehr über die Menschen und die Welt im allgemeinen erfahren will, interessiert ihn der Beruf Journalist besonders. Letzte Woche verbrachte er deshalb zwei Tage zum Schnuppern beim «felix.». In dieser Zeit entstand das Interview mit Pfarrer Michael Röll, das Luis selbst vorbereitet, geführt und verschriftlicht hat.
red

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