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Für Pollock fliegt man nach Horn

Mitten in Horn am Bodensee befindet sich seit vergangenem Herbst eine Galerie, die internationale Kunstsammler aus aller Welt anzieht. In der neuen «American Contemporary Art Gallery» zeigen Otto und Kirstin Hübner Werke von Künstlern wie Jackson Pollock oder Sam Francis, Geschäftsführer Otto Hübner erklärt, warum grosse Kunst gerade dort funktioniert, wo niemand sie erwartet.

Otto Hübner, wenn Ihnen vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass internationale Kunstsammler einmal wegen Jackson Pollock nach Horn reisen – hätten Sie gelacht?

Nein, gelacht hätte ich nicht. Wir machen seit rund 40 Jahren Galeriearbeit und wissen, wie Kunstsammler denken. Für ein bedeutendes Werk nehmen sie weite Wege auf sich. Kunst entsteht oft an besonderen Orten – und Horn ist für viele genau so ein magischer Ort geworden. Wir hatten bereits Gäste aus Tokio, Texas, New York, Paris oder London hier. Viele sind fasziniert von der Atmosphäre. Ein Sammler aus New York wollte ursprünglich nur für einen Tag bleiben. Er flog nach Zürich, kam nach Horn – und entschied dann spontan, eine ganze Woche zu bleiben. Horn ist klein, aber keineswegs uninteressant. Die Verbindung von Natur, Ruhe und Kunst wirkt unglaublich stark.

Ist das der Grund, warum die Wahl ausgerechnet auf Horn fiel – und nicht auf Zürich, Basel oder wieder München?

Genau. Wir führen bereits eine Galerie in München und waren mit der Region hier vertraut. Ich habe selbst zwölf Jahre in Teufen gewohnt. Eines Tages waren wir im Bad Horn essen und meine Frau verliebte sich in das Haus, das damals noch hier stand. Während der Corona-Zeit kam die Liegenschaft dann zum Verkauf – und plötzlich entstand diese Idee eines besonderen Ausstellungsraums. In Teufen hatten wir zwar eine schöne Wohnung, aber sie eignete sich nicht, um Gäste und Sammler zu empfangen. Hier in Horn konnten wir einen Kunstraum schaffen, der genau dafür gemacht ist.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz bisher aus?

Im September feiern wir bereits das erste Jubiläum – und tatsächlich hatten wir in Horn inzwischen mehr Besucher als in München. Die Kunstwelt hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Früher reiste man nach Paris oder Basel zur Kunst. Heute ist die Reise zur Kunst oft auch eine Reise zu sich selbst geworden. Die Menschen kommen nach Horn, bleiben ein oder zwei Nächte, verbinden den Besuch mit einem Wellness-Wochenende oder einem Aufenthalt am See. Kunst wird heute stärker als Gesamterlebnis wahrgenommen.

Was lief besser als erwartet – und was war schwieriger?

Wir leben momentan in sehr schwierigen Zeiten. Kriege, politische Unsicherheiten und wirtschaftliche Spannungen sorgen weltweit für Verunsicherung. Dafür ist es erstaunlich gut gelaufen. Entscheidend ist aber unser Netzwerk, das wir über Jahrzehnte aufgebaut haben. Wir betreuen viele Sammler und Nachlässe seit über 30 Jahren. Das ist die Grundlage unseres Geschäfts. Wer heute ganz neu beginnen würde, hätte es vermutlich sehr schwer.

Otto und Kristin Hübner bringen internationale Kunst nach Horn
Otto und Kristin Hübner bringen internationale Kunst nach Horn
© z.V.g.

Gab es einen Moment, in dem Sie merkten: «Jetzt funktioniert dieses Projekt wirklich»?

Eigentlich gab es viele solcher Momente. Bereits, als wir das Projekt gemeinsam mit dem Architekten Alex Bob entwickelten – umgesetzt durch das Architekturbüro von Carlos Martinez unter der Leitung von Carmen Hernández sowie mit der gesamten Gartenarchitektur und Ausführung von André Hellberg – spürten wir, dass hier etwas Besonderes entsteht. In den vergangenen fünf Jahren haben unglaublich viele kreative Menschen mitgedacht und geholfen. Während der ganzen Entstehung gab es immer wieder Aha-Erlebnisse.

Wer besucht die Galerie heute? Internationale Sammler, Feriengäste – oder auch Menschen aus der Region?

Es ist ein sehr gemischtes Publikum – auch viele Menschen aus der Region kommen vorbei. Die Galerie ist allerdings nur nach Vereinbarung geöffnet. Unser Galeriegeschäft funktioniert anders als ein klassischer Tagesbetrieb. Wir vertreten Nachlässe, realisieren Museumsprojekte und benötigen Zeit für unsere Gäste und die Arbeit mit den Kunstwerken.

Wie haben die Menschen in Horn auf die Galerie reagiert? Gab es anfänglich auch Skepsis?

Skepsis haben wir kaum erlebt. Im Gegenteil – wir wurden mit offenen Armen empfangen, was keineswegs selbstverständlich ist. Die Architektur des Hauses hat allerdings polarisiert. Und das muss sie in meinen Augen auch. Das Gebäude ist wie eine Skulptur. Es gefällt oder gefällt nicht. Kunst, die allen gefällt, ist meistens nichts wert. Gute Kunst muss polarisieren.

Merken Sie, dass die Galerie auch etwas mit dem Ort macht?

Kunst verändert immer einen Ort. Horn ist in einer privilegierten Lage – nahe bei St.Gallen und dem Würth Haus Rorschach. Wir bringen internationale Kunst auf sehr hohem Niveau hierher. Meine Frau ist Kunsthistorikerin, und wir glauben beide daran, dass Kunst Menschen zum Nachdenken bringen soll. Kunst ist ein Medium, das wachrüttelt und neue Perspektiven eröffnet. Genau das passiert auch hier in Horn am Bodensee.

Wie erklärt man abstrakte Kunst jemandem, der sagt: «Das könnte ich auch malen»?

Der grosse Unterschied liegt im Herzblut, in der Begabung und in der Auseinandersetzung mit Kunst. Künstler wie Picasso oder Jackson Pollock haben Kunst nicht einfach produziert – sie haben sie gelebt. Pollock war ein hochgebildeter und sehr belesener Mensch. Viele unterschätzen, wie viel Philosophie, Kultur und Erfahrung in grossen Werken steckt. Kunstqualität ist nicht beliebig. Wirklich grosse Kunst schafft einen eigenen Raum und eine besondere Balance aus Formen, Farben und Wirkung. Genau das spüren Menschen – oft intuitiv.

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