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Liebe auf Umwegen

Das junge Fräulein Waldburger wurde vom Schicksal buchstäblich ins Glück geschubst. Nach anfänglichem Widerstand begann sie die Zeichen zu deuten. Im Rückblick wurde klar, wie sich die einzelnen Puzzleteilchen zum Gesamtbild fügten.

Alice Hofer

Nelly Waldburger wuchs in Schwellbrunn auf und absolvierte eine Ausbildung zur Verkäuferin. 1956, während ihres Welschlandjahres, schrieb sie regelmässig mit ihrer besten Freundin, die als Kindergärtnerin in Arbon wirkte. Auch Nelly zog es an den See. Also sandte sie eine Blindbewerbung an die Hermann Forster AG – und wurde umgehend eingestellt, ohne persönliches Treffen. «Das ging damals unkompliziert», sagt die 88-Jährige, «ich brauchte nur noch ein Zimmer; das fand ich bei meiner Freundin im selben Haus». Die Arbeit bei Forster im Büro gefiel ihr, sie war glücklich am See, und mit ihrem Gehalt von 250 Franken konnte sie auch ihr Zimmer selber bezahlen, es kostete 60 Franken pro Monat.

Romanze mit Hindernissen

Bald fiel ihr ein junger Mann auf, den sie vom Welschland zu kennen meinte. Sie lächelte ihn deshalb jeweils freundlich an, wenn man sich zufällig sah. «Dass es sich hierbei um eine fatale Verwechslung handelte, merkte ich erst, als er sich eines Tages im Zug nach Rorschach in mein Abteil setzte und mit seinem Kollegen zu reden begann – auf österreichisch! Mir fiel beinahe das Herz in den Schoss und ich war so froh, dass ich ihn nie vorher angesprochen hatte!» Der Bursche seinerseits hatte freilich schon länger ein Auge auf sie geworfen und sogar bereits herausgefunden, wo sie wohnte. «Nun erhaschte er noch einen Blick auf die Fahrkarte, wo mein Name gedruckt stand.» Damit war der Weg geebnet, und ein paar Tage später erhielt sie seinen Brief. «Er schlug ein Treffen am nächsten Abend vor», erinnert sie sich. «Ich war so nervös, dass ich meine Schlummermutter ins Vertrauen zog. Sie empfahl, ich solle mir diesen Herrn doch mal ansehen, was ich dann auch tat. Wir gingen spazieren, ich erfuhr seine Herkunft Vorarlberg, und dass er als Zimmermann bei Zöllig arbeitete.»

In dubio pro reo

Während des Sommers konnte man draussen sitzen oder spazieren, denn «Josef durfte ja nicht mit auf mein Zimmer kommen». Im Herbst jedoch wurde es ungemütlich kalt. «Wir trafen uns im Café Central oder ABC. Ich war zwar finanziell besser situiert, doch es galt unumstösslich, dass der Mann zahlt. Das war mir nicht recht.» Sein Stundenlohn betrug 2 Franken, seine Unterkunft kostete 40 Franken pro Monat. Zudem unterstützte er noch seine jung verwitwete Mutter. Als Nellys Eltern von der Beziehung hörten, waren sie entsetzt: «Ein Ausländer und dazu Katholik! Kommt nicht in Frage!» All diese Umstände waren zunehmend unbehaglich. «Und als er mich seiner Familie vorstellen wollte, roch das nach ziemlich viel Verbindlichkeit.» So erklärte sie ihm den Rückzug und begann ihm auszuweichen.

Romantik am Philosophenweg: Josef und Nelly Barta 1957
Romantik am Philosophenweg: Josef und Nelly Barta 1957
© z.V.g.

«Ein Jahr später sah ich einen sehr schönen Film über Österreich und empfand plötzlich Wehmut und Gewissensbisse: Was, wenn ich mich geirrt hatte? Wenn er doch der Richtige gewesen wäre? Ich spürte Reue, zumal ihm seither niemand hatte das Wasser reichen können.» Und wieder geschah ein Wunder: Als hätte er ihre Gedanken gelesen, schrieb Josef am selben Tag einen Brief. Er gestand ihr, dass er nach Kanada auswandern wolle. Das Einzige, das ihn davon abhalten könnte, sei eben sie. «Da war ich mir meiner Gefühle ganz sicher und sagte aus vollem Herzen Ja», schmunzelt Nelly Barta. «Ausserdem zählte ich ja bereits zwanzig Jahre, da wurde es höchste Zeit, wenn ich nicht ledig bleiben wollte!» Josefs Familie war komplett dagegen, dass er sich mit einer Reformierten verlobte: Drei seiner zehn Geschwister reisten persönlich an, um ihn davon abzuhalten, aber Nelly bot allen die Stirn. Und so fand die Hochzeit doch statt, am 5. März 1960 in der reformierten Kirche Schwellbrunn. Die österreichische Familie rauschte am selbigen Morgen in letzter Minute an, da man ja zuerst noch zum Standesamt musste. «Es wurde dann eine sehr schöne Trauung» meint Nelly Barta, und die Verwandtschaften fanden sogar Gefallen aneinander: «Man besuchte sich später gegenseitig. Meine Eltern schwärmten von den rechtschaffenen Österreichern und deren hübschen Blumen vor den Fenstern. Wir erzogen unsere drei Töchter dann reformiert; wir sind ja alle Christen und beten zum gleichen Gott.» Die junge Familie blieb in Arbon, Josef wurde Schweizer, diente im Militär, man fand Freunde im Turnverein und Skiclub. Gemeinsam musizierten sie und sangen an manchem Fest. Obwohl nun seit zehn Jahren Witwe, fühlt sich Nelly Barta gut aufgehoben in Arbon in ihrem trauten Umfeld.

Der Rat der Weisen

Und was gibt Nelly Barta der heutigen jungen Generation mit auf den Weg? «Zufriedenheit und Dankbarkeit pflegen. Das wertschätzen, was jetzt möglich ist, nicht den Dingen nachtrauern, die vorbei sind.»

Menschen erzählen ihre Geschichten

In der Serie «Lebenslinien» lädt «felix. die zeitung.» die ältere Leserschaft (ab 65 Jahren) zum Gespräch ein. Erzählen Sie uns Ihre Erlebnisse, Einsichten und Weisheiten. «felix.»-Reporterin Alice Hofer besucht Sie gerne in Ihrem Daheim. Die Porträts erscheinen in lockerer Reihenfolge in dieser Rubrik. Wenn auch Sie etwas aus Ihrem Nähkästchen plaudern wollen, melden Sie sich bei uns per Mail an hofer@mediarbon.ch oder telefonisch 071 440 18 30.

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