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«Wir bauen nicht auf Vorrat»

Satte 62,9 Mio. Franken soll das neue Sekundarschulzentrum in Arbon kosten. Im Gespräch mit «felix.» nehmen die Projektverantwortlichen der SSG Arbon Stellung zur Summe, sprechen über den Vorwurf, ein Luxusobjekt zu schaffen und erneuern das Steuerfuss-Versprechen.

Kim Berenice Geser

62,9 Mio. Franken für ein neues Schulzentrum ist eine immense Summe. Warum ist dieses Projekt so teuer?

Robert Schwarzer (Schulpräsident): Erst einmal ist es mir wichtig festzuhalten: Ja, 62,9 Mio. Franken ist eine stattliche Summe. Im Quervergleich mit anderen Projekten sind wir damit aber durchaus «bi dä Lüt». Wir bauen hier für die nächsten 100 Jahre. Das muss Bestand haben. Wir wollen nicht nach 20 Jahren schon wieder renovieren. Ein Luxusprojekt ist es deshalb aber nicht.

Qualität hat ihren Preis, das ist richtig. Aber muss dieser so hoch sein?

Daniel Leu (Präsident Baukommission): Zwei zentrale Faktoren prägen die Höhe der Bausumme. Zum einen ist die Erstellung der Baugrube mit erheblichen Kosten verbunden, zum anderen erfordert das Projekt eine Tiefgarage, die für eine zukunftsfähige und bedarfsgerechte Infrastruktur unverzichtbar ist.

Was hat es mit der Baugrube auf sich?

Leu: Bodenproben haben gezeigt, dass wir hier eine ähnliche Situation antreffen werden, wie wir Sie bei der Erstellung der Dreifach-Sporthalle an der Stacherholzstrasse erlebt haben. Ich denke, uns allen ist noch gut in Erinnerung, vor welche Herausforderungen die damalige Baukommission auf Grund dieses anspruchsvollen Baugrunds gestellt wurde.

Florian Ammann (Bauherrenvertreter der SSGA): Wir haben deshalb extra vertiefte Abklärungen machen lassen, unter anderem mit einem geologischen Gutachten. So wissen wir heute beispielsweise, dass die Turnhalle, damit sie eben nicht wie im Stacherholz nach oben aufgetrieben wird, 30 Auftriebsanker benötigt. Diese Massnahmen kosten, wir können sie aber dank der Abklärungen sehr präzise kalkulieren.

Im Umkehrschluss hiesse das, käme die Turnhalle nicht in den Boden, wäre das Projekt günstiger.

Leu: Man kann so argumentieren.  Dafür würde aber der Fussabdruck des ganzen Projekts deutlich grösser. Denn wir planen ja auf dem Dach der im Boden versenkten Turnhalle einen Allwettersportplatz, der auch als Pausenplatz dienen soll. Kann dieser nicht realisiert werden, haben wir zu wenig Pausenfläche für die Schülerinnen und Schüler und müssten in die Breite bauen.

Daniel Leu, Präsident der Baukommission, Schulpräsident Robert Schwarzer und Florian Ammann, Leiter Liegenschaften der SSG Arbon sowie Bauherrenvertreter (v.l.), verbürgen sich für das neue Sekundarschulzentrum.
Daniel Leu, Präsident der Baukommission, Schulpräsident Robert Schwarzer und Florian Ammann, Leiter Liegenschaften der SSG Arbon sowie Bauherrenvertreter (v.l.), verbürgen sich für das neue Sekundarschulzentrum.
© Kim Berenice Geser

Muss es eine Dreifach-Turnhalle sein? Eine kleinere Halle hätte auch einen kleineren Fussabdruck ...

Schwarzer: Das wäre schlicht am falschen Ort gespart. Fakt ist, dass die Turnhallen der SSGA bereits heute nicht dem Raumbedarf entsprechen. Wir brauchen dringend zusätzliche Hallenflächen.

Leu: Die SSGA mietet bereits jetzt zusätzliche Hallenflächen bei der PSG Arbon an. Diese Situation wird sich weiter zuspitzen: 2029 erwarten wir einen Anstieg von heute 620 auf rund 700 Schülerinnen und Schüler (SuS).

Schwarzer: Und nicht nur wir, auch die Vereine leiden unter dem Hallenmangel. Die heutigen Kapazitäten sind vollständig ausgeschöpft. Wenn wir also schon eine Halle bauen müssen, bauen wir eine, die den Anforderungen und dem Bedarf genügt. Es wäre kurzsichtig, jetzt einen Bau hinzustellen, der, kaum erstellt, schon wieder zu klein ist. Mit dieser Halle nutzen wir den Boden optimal aus.

Ammann: Hinzu kommt, dass eine Einfachturnhalle nicht den Normen des Bundesamtes für Sport entspricht. Dieses schreibt vor, welche Voraussetzungen eine Halle erfüllen muss, damit der Breitensport darin seine Spiele abhalten kann.

Leu: Wobei dies nur ein sekundäres Argument ist. In erster Linie bauen wir für unseren Schulbedarf.

Die «Lärche» beinhaltet 22 Schulzimmer, das ist doppelt so viel wie im Reben 4. Baut die SSGA auf Vorrat?

Schwarzer: Nein. Aber wir nutzen die räumlichen Möglichkeiten aus, damit wir vier Jahre später nicht schon wieder an unsere Grenzen stossen. Das wäre wirtschaftlicher Unsinn.

Leu: Stand heute haben wir aufgrund der prognostizierten Schülerzahlen 2029 vier der 22 Zimmer in Reserve. Dies ohne die weiteren Zuzüge.

Auf welchen Daten basieren diese prognostizierten Schülerzahlen?

Leu: Auf den heute bereits in Arbon, Stachen, Frasnacht, Roggwil, Freidorf und Steinach beschulten Kindern. Als Sekundarschule haben wir den Vorteil, dass wir die Schülerzahlen acht Jahre im Voraus beim Eintritt in den Kindergarten erhalten und diese laufend aktualisieren

Schwarzer: Angesichts der regen Bautätigkeit in Arbon und Umgebung ist davon auszugehen, dass die Bevölkerung weiter wachsen wird, wir also voraussichtlich noch mehr SuS erhalten werden.

Wie sieht es mit dem übrigen Raumprogramm aus, wären hier noch Abstriche möglich?

Leu: Nein. Wir haben nicht grosszügig, sondern unserem Bedarf und den kantonalen Vorgaben entsprechend geplant.

Auch bei einem Nein bleibt die Tatsache bestehen, dass wir diesen Schulraum brauchen.
Daniel Leu

Gilt das auch für die geplanten 62 Parkplätze in der Tiefgarage?

Leu: Wir wollen das Quartier verkehrstechnisch nicht belasten. Vor allem auch dann nicht, wenn wir die Turnhalle Vereinen zur Nutzung zur Verfügung stellen. Weil kein Parkhaus in unmittelbarer Nähe ist, haben wir uns entschieden, im Projekt das, was an Parkplätzen möglich ist, zu realisieren. Ob zusätzlich eventuell Quartierbewohnern mietweise Parkplätze abgegeben werden können, wird noch zu entscheiden sein.

Aus der Abstimmungsbotschaft geht hervor, dass allein die Planungskosten mit 9,5 Mio. Franken zu Buche schlagen und damit ähnlich hoch sind wie die Gebäudekonstruktion, der Ausbau oder die Gebäudetechnik. Wie das?

Leu: Dieser Budgetposten beinhaltet die Honorare sämtlicher an der Umsetzung beteiligten Planer.

Ammann: Das Planungsteam umfasst alle Fachpersonen vom Bauleiter, über den Architekten, sämtliche Ingenieure bis hin zum Landschaftsgärtner. Also alles Personen, die direkt vor Ort an der Umsetzung des Projekts beteiligt sind.

Leu: Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass diese Honorare über die Baukosten-Summe berechnet werden. Will heissen: Kann das Projekt günstiger realisiert werden, reduziert sich auch dieser Budgetposten.

Und erhöht sich, wenn es teurer wird.

Ammann: Grundsätzlich ja. Allerdings haben wir, wie eingangs erwähnt, in der Kostenkalkulation mit der Baugrube und der Tiefgarage diejenigen Budgetposten ausgemacht, die das höchste Kostenrisiko bergen, diese deshalb vertieft abgeklärt und entsprechend veranschlagt.

Leu: Uns war es selbstverständlich wichtig, dass die Zahl, die wir hier kommunizieren und über die wir am 28. September abstimmen, Hand und Fuss hat. Wir können guten Gewissens sagen, das ist uns gelungen.

In der ursprünglichen Fassung wäre das Projekt noch einmal 5,5 Mio. Franken teurer gewesen. Wo hat man bereits Abstriche gemacht?

Leu: Wir haben unter anderem das Volumen und die Glasflächen reduziert und bewusst Abstriche in der Materialisierung gemacht, zum Beispiel beim Qualitätsanspruch des Sichtbetons.

Ammann: Ausserdem haben wir bei der Kostenanalyse nicht nur die Erstellungskosten evaluiert, sondern auch den gesamten Lebenszyklus der Anlage betrachtet. Mit dem vorliegenden Projekt haben wir effiziente Betriebsabläufe und können diverse Unterhaltsarbeiten selbst durchführen. So sparen wir in Zukunft im Gebäudeunterhalt Kosten ein.

Das Modell zeigt die geplante Dreifach-Turnhalle mit dem Allwettersportplatz auf deren Dach (1), sowie den Schulhaus-Neubau rechts davon (2).
Das Modell zeigt die geplante Dreifach-Turnhalle mit dem Allwettersportplatz auf deren Dach (1), sowie den Schulhaus-Neubau rechts davon (2).
© Archiv

Was spricht gegen einen Ausbau des Reben 4 oder des Stacherholz?

Leu: Wir haben das natürlich bei der Standortevaluation eingehend geprüft. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass wir im Reben 4 unseren zusätzlichen Raumbedarf nicht decken können.

Schwarzer: Das liegt vor allem am Standort. Wir können weder Richtung Bahngleise ausweichen noch Richtung Ludi-Distel-Platz. Dazu kamen die in diesem sensiblen Altstadtbereich hohen denkmalpflegerischen Auflagen.

Ammann: Im Stacherholz haben wir derzeit noch etwas Platzreserven. Aber für ein weiteres Schulzentrum reicht das nicht aus. Nicht zuletzt, weil wir dort keinen Platz für die dringend benötigte Turnhalle haben.

Schwarzer: Auch eine weitere Aufstockung ist nicht möglich, da das Stacherholz 1960 unter massiven Einsparungen gebaut wurde. Die Statik lässt keine weiteren Stockwerke zu.

Nebst dem Standort an der St. Gallerstrasse war auch das Niederfeld in Stachen im Gespräch. Das wäre doch ein optimaler Standort und käme auch den SuS aus Roggwil, Freidorf und Obersteinach entgegen.

Schwarzer: Das stimmt. Dieser Standort fiel jedoch wegen des geplanten Zubringers durch, der gemäss Stand bisherige Planung genau unter dem Schulgelände hindurchführen würde. Eine Untertunnelung wäre viel zu teuer und hätte vor dem Schulhausbau realisiert werden müssen, was völlig entgegen unseren zeitlichen Bedürfnissen gewesen wäre.

Ammann: Die Spange Süd ist seit Jahren in Planung. Wann und ob sie kommt, wissen wir aber immer noch nicht. Im Niederfeld hatten wir folglich keine Planungssicherheit.

Leu: Der Standort an der St. Gallerstrasse ist die einzig gangbare Option, die sich auch noch in der richtigen Zone für öffentliche Bauten befindet.

Schwarzer: Und auch die Schülerströme optimal abdeckt.

Was meinen Sie damit?

Leu: Weil wir im Stacherholz bereits eine Aufstockung machen durften, haben wir heute die Situation, dass gewisse Räumlichkeiten wie Schulküchen und eben Sporthallen nicht mehr ausreichen für alle dort beschulten SuS. Mit dem neuen Schulzentrum können wir künftig auch das Stacherholz entlasten, indem gewisse Unterrichtseinheiten in der Lärche stattfinden. Ausserdem sind die öV-Anschlüsse in unmittelbarer Nähe, was für die Jugendlichen aus Roggwil und Freidorf ein Vorteil ist.

Das Projekt Lärche soll, so das Versprechen, ohne Steuerfuss-Erhöhung realisiert werden. Edler Wunsch oder tatsächlich machbar?

Schwarzer: Wir würden die Stimmbürgerinnen nicht ernst nehmen, wäre diese Aussage, Stand heutige Parameter, nicht gesichert. Wir haben mit 12 Mio. Franken Eigenkapital eine gute Ausgangssituation, mit der wir die ab Fertigstellung des Schulzentrums durch die Erhöhung des Amortisationsaufwandes entstehenden Defizite decken können. Hinzu kommt der Gewinn von 12,38 Mio. Franken aus dem Verkauf des Reben 4 an die PSG Arbon. Und mit dem steigenden Bevölkerungswachstum ist in den kommenden Jahren mit zusätzlichen Steuereinnahmen zu rechnen. Wir haben ausserdem vom Kanton eine Finanzanalyse machen lassen und auch diese bestätigt: Wir können das Projekt ohne Steuerfuss-Erhöhung realisieren.

Was passiert, wenn sich die Stimmbevölkerung von all diesen Argumenten nicht überzeugen lässt und das Projekt an der Urne abblitzt?

Schwarzer: Wir sind zuversichtlich, dass die Bevölkerung diesem Projekt zustimmt. Wir bauen hier für die Zukunft unserer Jugend, nachhaltig und beständig. Das muss uns diese Investition wert sein. Und wir bauen auch so, dass sich diese Schulanlage sehr gut in das Quartier einfügt. Gibt es dennoch ein Nein, kommen wir um mehrere Jahre in Millionen teuren Provisorien nicht herum, weil wir einen Vertrag mit der PSGA haben, der festlegt, wann wir das Reben 4 zu übergeben haben. Das wäre in keiner Weise nachhaltig und eine Verschwendung von Steuergeldern.

Leu: Wir wären zurück auf Feld 1 und würden nicht nur Zeit, sondern auch Geld verlieren. Denn auch bei einem Nein bleibt die Tatsache bestehen, dass wir diesen Schulraum brauchen.

Info-Veranstaltung zum Projekt Lärche

Am Sonntag, 28. September, findet die Abstimmung zum Rahmenkredit von 62,9 Mio. Franken für das neue Schulzentrum Lärche statt. Im Vorfeld des Urnengangs lädt die Sekundarschulgemeinde am Dienstag, 2. September, zur öffentlichen Information über das Projekt ein. Diese findet um 19.30 Uhr in der Aula des Ergänzungsbaus des Reben 25 an der Alemannenstrasse 16 statt.

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