Zwischen Orcas, Pottwalen und Bodensee
Manuela Bruhin
Martina und Manuel, wenn ihr am Arboner Seeufer sitzt und plötzlich ein Tier vor euch auftaucht, das eigentlich gar nicht hier hingehört – welches wäre das, bei dem ihr sofort sagt: «Kamera an, das glaubt uns sonst niemand»?
Martina: Ich habe als Kind oft aufs Wasser gestarrt und inständig gehofft, dass auf einmal eine Gruppe Orcas auftauchen würde. Das ist selbstverständlich unmöglich, aber sollte durch ein Wunder mal eine Rückenflosse auftauchen, dann werden wir rennen (lacht)!
Ihr seid Biologen, Taucher und Filmemacher gleichzeitig – was war zuerst da: die Liebe zur Natur oder der Wunsch, Geschichten darüber zu erzählen?
Manuel: Die Liebe zur Natur. Wir waren beide schon von klein an grosse Naturfans – viel draussen und immer begeistert, wenn wir Tiere sehen durften. Erst im Studium kam der Wunsch, Menschen mit unserer Begeisterung anzustecken, über unsere Erlebnisse zu berichten und Wissen zu vermitteln. Uns fiel besonders die Kluft in der Kommunikation zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft auf, die wir heute mit unserer Arbeit brücken wollen.
Ihr wart unter anderem mit Pottwalen unterwegs – ein Kindheitstraum, der Realität wurde. Gab es in diesem Moment noch den Filmemacher in euch – oder wart ihr einfach nur zwei Menschen im Wasser mit Gänsehaut?
Manuel: Im ersten Moment war da pure Gänsehaut und Herzklopfen, es waren auch schliesslich die grössten Tiere, die wir je filmen durften. Grundsätzlich kommt dann aber schon der Filmemacher durch. Wir denken da an die verschiedenen Bilder, die wir für unsere Geschichten brauchen, die Einstellungen müssen passen und so weiter.
Martina: Es ist trotz aller Magie und Faszination unser Job. Und doch versuchen wir, uns in bestimmten Momenten auch mal zu entspannen und die Momente zu geniessen, eine Dankbarkeit zu empfinden, so einem grossen Tier so nah zu sein zu dürfen. Das ist unglaublich wichtig, dass der Druck und Stress nicht Überhand gewinnen. Es ist deshalb eine Gratwanderung.
Wie oft scheitert ein Naturfilm, bevor er gelingt? Also ehrlich: Wie viele Tage, an denen einfach… nichts passiert?
Martina: Der Film an sich scheitert sehr selten. Aber die einzelnen Drehs zu Geschichten scheitern sehr oft oder funktionieren nicht so wie gedacht. Das kann an der Logistik liegen oder halt einfach, weil Tiere nicht auftauchen oder das Wetter nicht mitspielt. Bei unserem jetzigen Projekt über die Schweiz merken wir zum Beispiel sehr stark, wie unbeständig Wetter und Klima geworden sind. Schnee verschwindet viel zu schnell, der Bodensee hat viel zu wenig Wasser… Vieles ist unberechenbarer geworden. Oder wir warten auf ein bestimmtes Verhalten. In Luzern sassen wir 18 Tage lang 14 Stunden pro Tag vor der Museggmauer und haben darauf gewartet, dass die Gänsesäger-Familien aus den Löchern springen. Erst am letzten Tag hat es funktioniert.
Manuel: In solchen Situationen versuchen wir, flexibel zu bleiben und unsere Geschichten den Verhältnissen anzupassen – oder wir müssen eine andere Geschichte finden. Natur folgt halt keinem Drehbuch (lacht).
Was war der Moment, in dem ihr gemerkt habt: «Das hier ist nicht mehr Hobby – das ist unser Leben»?
Manuel: Das ging schnell. 2020 haben wir angefangen, für eine deutsche Produktionsfirma für einen vierteiligen Naturfilm zu drehen. Als herauskam, dass wir Ende Jahr fest dabei sind, kam auch der Druck und die Verantwortung dazu, dass unsere Aufnahmen wichtig sind für die fertigen Filme. Aber auch jetzt mit unserer eigenen Firma kommt schon ab und zu wieder der Gedanke «Krass, das ist unser Leben».
Ihr arbeitet oft in extremen Situationen – unter Wasser, in der Wildnis. Wann kippt für euch ein Dreh von «Abenteuer» zu «Jetzt wird’s gefährlich»?
Martina: Wir versuchen immer, unserer eigenen Grenzen bewusst zu sein und keine grossen Risiken einzugehen. Denn keine noch so grossartige Aufnahme ist eine Verletzung oder Schlimmeres wert. Auch Routine Tauchgänge können auf einmal kippen. Deswegen bereiten wir uns immer so gut wie möglich vor. Bei einem mulmigen Bauchgefühl bricht man lieber ab.
Manuel: Und doch kam es Ende letzten Jahres zu einem kleinen Unfall. Wir waren in den Bergen im steilen Gelände unterwegs, um Steinböcke zu filmen. Wir hatten unterschätzt, wie rutschig der Schnee in der Nachmittagssonne wurde. Martina ist daraufhin ausgerutscht und ein paar Meter den Hang hinuntergerutscht. Sie konnte zum Glück bremsen – kurz vor einer drei Meter hohen Klippe. Daraufhin hatten wir uns entschlossen, an der Stelle nicht mehr zu drehen.
Welches Tier hat euch komplett falsch überrascht? Also nicht majestätisch oder schön – sondern vielleicht nervig, chaotisch oder einfach ganz anders als erwartet?
Martina: Meistens passiert genau das Gegenteil. Wir drehen selten grosse Tiere. Viele unserer Protagonisten sind auf den ersten Blick eher unscheinbar wie zum Beispiel Geckos, Einsiedlerkrebse oder der Farmerfisch. Das Grossartige an unserem Beruf ist, dass man sich so richtig in die Verhalten reinlesen kann und viel über die Arten recherchiert. Sie nachher live zu erleben und dann Verhaltensweisen zu filmen, ist einfach fantastisch.
Manuel: Der Farmerfisch zum Beispiel, der jedes Mal anfängt, wie wild seinen Algengarten zu präsentieren und dabei ruft, wenn ein Weibchen in der Nähe ist, ist einfach grossartig. Oder Tiere, die man schon oft in Dokus gesehen hat – wie zum Beispiel Murmeltiere. Wir hatten mit den typischen Murmeltieraufnahmen gerechnet wie Alarmpfiffe. Doch nach einer Woche konnten wir filmen, wie zwei Männchen sich bis aufs Blut bekämpften. Oder ganze sieben Jungtiere, die frisch aus dem Bau kamen und stundenlang gespielt haben.
Viele Naturfilme zeigen perfekte Bilder. Wie geht ihr mit Momenten um, die eben nicht «instagrammable» sind – Chaos, Misserfolge, Zweifel?
Manuel: In «Behind the Scenes» Filmen, wie im Pottwal Film, ist es uns sehr wichtig zu zeigen, dass nicht jeder Dreh so funktioniert, wie man das vielleicht gerne hätte. Es gibt einfach Tage, an denen nichts läuft. Das gehört dazu – und man muss es auch nicht schönreden. Die Drehs sind meistens zeitlich begrenzt. Je länger etwas nicht funktioniert, desto grösser wird der Druck. Wir können oft nicht verlängern oder «einfach nochmal hinfliegen». Auch auf Social Media oder in Vorträgen haben wir kein Problem damit, Misserfolge und Chaos zu zeigen. Viele finden ja gerade das spannend. Mittlerweile können wir über einige Geschichten auch lachen.
Und ganz ehrlich – zurück nach Arbon gedacht: Wenn ihr den Bodensee filmen würdet, welche Geschichte würde man hier übersehen, die ihr unbedingt erzählen würdet?
Martina: Einer unserer absoluten Lieblingsvögel hier sind die Haubentaucher. Sie waren eine der ersten Vögel, die wir zusammen am Anfang unserer Beziehung regelmässig fotografiert und gefilmt hatten, damals noch hobbymässig. Da wir so viel Zeit mit ihnen verbracht haben, haben wir sehr viel über sie gelernt.
Manuel: Haubentaucher sind echt spannend zu beobachten: Sie kämpfen, die Paare haben ihr Ritual mit Kopfschütteln und Hochzeitsgeschenken, und sie tragen ihre Jungen auf dem Rücken, was zuckersüss ist. Dank unserem jetzigen Projekt (Zweiteiliger Film über die Schweiz) haben wir die Gelegenheit, eine Geschichte über Haubentaucher zu erzählen. Das freut uns riesig.