«Dann treffen wir uns in der Seemitte»
Diego Müggler
Herr Münder, Langenargen in einem Wort.
Einzigartig.
Wieso?
Weil wir ein Schloss direkt am See haben – in dieser Lage, in dieser Ausprägung. Das hat niemand sonst am Bodensee. Dazu eine der schönsten Uferanlagen der Region. Und dabei liegen wir im Windschatten des Durchgangsverkehrs, sind aber trotzdem bestens erreichbar – Zug, Schiff, Strasse, Flughafen neun Kilometer entfernt. Diese Mischung ist wirklich gut.
Die Städtefreundschaft zwischen Arbon und Langenargen entstand 1963 im Rahmen der Seegfrörni. Was bedeutet die Freundschaft heute?
Etwas Lebendiges. Und das ist für mich entscheidend: Eine Städtefreundschaft ist nur dann eine echte Freundschaft, wenn die Bevölkerung sich auf verschiedenen Ebenen dauerhaft verbindet. Die Tennisclubs spielen abwechselnd im anderen Ort. Die Seniorenvertretung aus dem Thurgau ist regelmässig bei uns zu Gast. Die Feuerwehren haben sich gegenseitig besucht, die Narrenzünfte pflegen einen Austausch. Würde das auf bürgerlicher Ebene nicht stattfinden, wäre es für mich keine echte Freundschaft.
Und auf offizieller Ebene?
René Walther und ich sehen uns ein- bis zweimal pro Jahr. Aber das ist für mich nur die Besiegelung dieser Freundschaft – nicht ihr Kern.
Anfang März hat Langenargen kommuniziert, die Städtefreundschaft nun formell zu intensivieren. Was hat Sie dazu bewogen?
Als ich 2021 hier anfing, stand diese Verbindung eher unter der Überschrift «Verwaltungspartnerschaft». Aber wenn man die Geschichte betrachtet – was für eine Rolle die Schweiz für viele Deutsche nach dem Krieg gespielt hat – wird einer Freundschaft, die seit über 60 Jahren besteht, ein rein administrativer Rahmen nicht gerecht. Das war für mich der Antrieb.
Und was soll konkret anders werden?
Ich denke an einen formalen Akt, in dem wir unser Bekenntnis zueinander schriftlich fixieren. Und inhaltlich wünsche ich mir mehr kulturellen Austausch – etwa über Musikschulen oder die bildende Kunst. Wir haben hier viele Künstlerinnen und Künstler, ein Museum. Da lässt sich gut anknüpfen. Es geht mir aber nicht darum, viele neue Initiativen aus dem Boden zu stampfen. Sondern darum, anzuerkennen, was bereits gewachsen ist.
Langenargen hat auch Partnerschaften mit einer französischen und einer italienischen Stadt. Was macht die Verbindung mit Arbon besonders?
Das Spannungsfeld. Wir ähneln uns in vielem – und doch ist das System anders. Sie haben Basisdemokratie, müssen die Bevölkerung über den Haushalt abstimmen lassen. Bei uns läuft das über den Gemeinderat. Ich finde diesen Unterschied unglaublich interessant. Gleichzeitig fühlen wir uns den Schweizern historisch eng verbunden. Das macht es auf eine sehr angenehme Weise speziell.
Arbon und Langenargen liegen zwölf Kilometer voneinander entfernt – und doch trennt sie eine Staatsgrenze, eine Währung, ein Rechtssystem. Was überwiegt: die Nähe oder die Distanz?
Die Nähe. Eindeutig. Natürlich gibt es diese formalen Grenzen, unterschiedliche Systeme. Aber für mich – und das ist mein Ankerpunkt – ist es im Grunde völlig egal, woher jemand kommt, solange sich die Menschen gut verstehen. Und so empfinde ich Arbon als nah. Zwölf Kilometer sind heutzutage wirklich keine grosse Distanz. Wenn ich das mit der Partnerstadt in Frankreich vergleiche – fast 700 Kilometer –, merken Sie, wie relativ das alles ist. Zu den Schweizern empfinde ich diese Distanz schlicht nicht. Deswegen freue ich mich auch, dass der Schiffsverkehr intensiviert wurde.
Ab dem 28. Juni fährt wieder das Direktschiff Arbon-Langenargen. Was bedeutet dies für die Freundschaft?
Jeder Mensch, der sich aufmacht, den anderen Ort zu besuchen, profitiert. Das persönliche Erlebnis lässt sich durch keine Broschüre ersetzen. Ich finde es unglaublich charmant, wie die Schweizer Seite mit dieser Direktverbindung ein sichtbares Zeichen setzt. Sich auf dem Bodensee zu bewegen ist für mich eines der schönsten Erlebnisse, die man hier haben kann.
Würden Sie sich wünschen, dass die Verbindung irgendwann ganzjährig fährt?
Ich würde mir wünschen, dass viele Leute von dieser Verbindung Gebrauch machen und dass die Verbindung wirtschaftlich langfristig tragbar ist. Das ist die Voraussetzung für alles andere.
Die Tourismusregion Bodensee verbindet drei Länder. Wie erlebt man das als Bürgermeister im Alltag?
Auf touristischer Ebene funktioniert vieles gut – unser Tourismusamt wirbt auch für Angebote in Österreich und der Schweiz. Der Gast will eine Region erleben, nicht nur einen Ort. Da muss man auch ehrlich sein: Langenargen alleine wäre mit seinen Angeboten nicht in der Lage, eine ganze Ferienwoche zu füllen. Da profitieren wir enorm auch von nahegelegenen Angeboten rund um den See. Schwieriger wird es, wo unterschiedliche Systeme aufeinandertreffen.
Zum Beispiel?
Der öffentliche Verkehr. Je grösser das Netz, das man spannen will, desto komplexer werden Tarifsysteme und Abrechnungsfragen. Da merkt man die länderspezifischen Unterschiede. Aber es ist in den letzten Jahren viel gelungen – etwa mit der EBC (Echt Bodensee-Card).
Im April gab es einen öffentlichen Streit zwischen der schweizerischen und der deutschen Bodenseeschifffahrt. Zeigt das die Grenzen dieser Zusammenarbeit?
Solche Momente gibt es überall, im Kleinen wie im Grossen. Wichtig ist, immer wieder von der emotionalen auf die sachliche Ebene zu kommen und das gemeinsame Interesse zu suchen. Ich fand dazu ein Zitat von Angela Merkel sehr treffend – sie hat in 16 Jahren viele schwierige Verhandlungen erlebt und suchte immer das Verbindende. Wenn alle Beteiligten sich diesem Ziel verpflichtet fühlen, gibt es am Ende eine Lösung. Und jeder Streit verraucht auch mal. Das Problem ist ja gelöst.
Mitten durch den Bodensee verläuft eine EU-Aussengrenze. Ist das für Sie nicht merkwürdig?
Nein. Meine Aufgabe auf kommunaler Ebene ist pragmatische Politik – und da taucht diese Grenze kaum auf. Sie fahren am Bodensee einmal rundherum, durch drei Länder, können mit dem Velo oder dem Auto einfach durchfahren, ohne dass Sie jemand anhält. Diese Freiheit finde ich toll. Und ich glaube, die Nicht-EU-Mitgliedschaft der Schweiz hängt viel mit ihrer Geschichte zusammen – das ist einfach so, mit allen Vor- und Nachteilen.
Was kann die Schweiz von Deutschland lernen?
Oh je! Ich glaube, jede Antwort könnte als überheblich wahrgenommen werden (lacht). Vielleicht könnten Sie von uns lernen, nicht so viel Bürokratie aufzubauen, wie wir es in den letzten Jahren und Jahrzehnten getan haben. Ich sage es jetzt mal pauschal, aber das ist ja das, was die Industrie und ganz viele Verbände eben auch sagen: Diese zunehmenden bürokratischen Hürden sind ein aktives Entwicklungshemmnis und so empfinde ich das in Teilen auch als Chef einer Gemeinde.
Und umgekehrt?
Die Schweizer starten immer wieder mit viel Mut in neue Projekte rein und lassen sich nicht so schnell entmutigen. Sie denken sich: Wir probieren es einfach mal. Ich glaube, dieser Mut, der spiegelt sich immer wieder und das gefällt mir.
Seit fünf Jahren stehen Sie als Bürgermeister regelmässig im Kontakt mit der Schweizer Seite des Bodensees. Welche lustigen oder spannenden Kleinigkeiten fallen Ihnen dabei immer wieder auf?
Ich mag den Schweizer Humor so gerne, ich mag die Sprache gerne. Im Kontakt mit Stadtpräsident René Walther oder auch Didi Feuerle als interimistischen Vorgänger fiel mir immer wieder auf, wie die beiden Dinge angehen und ausprobieren und das stets mit einem gewissen Augenzwinkern. Auf struktureller Ebene fällt mir eure sehr kurze Wahlperiode auf.
Wieso?
Vier Jahre halte ich persönlich für etwas kurz. Der Vorlauf, um Dinge wirklich in die Wirksamkeit zu bringen, braucht heutzutage einfach Zeit – wegen der vielen Regularien, wegen der Partizipation, wegen der Akzeptanz, die man werben muss. Manchmal reden wir über jahrelange Vorarbeiten, bevor irgendwo ein Bagger anrückt. Und dann haben Sie vielleicht nicht mehr die Gelegenheit, die Umsetzung auch wirklich mitzugestalten. Da braucht es meiner Erfahrung nach mindestens sechs Jahre. Als Bürgermeister – ich bin für acht Jahre gewählt – habe ich dann auch keine Ausflüchte mehr, dass ich sagen kann, ich habe zu wenig Zeit dafür gehabt. Das ist ehrlich.
Von der Kommunikation gegenüber den Wählenden?
Mich überzeugen nicht die Menschen, die mit Powerpoint-Präsentationen alles Mögliche an die Wand werfen, sondern mich überzeugen immer die Menschen, die am Ende vor der Realisierung stehen und zeigen: Wir haben es durchgehalten. Da tun Sie sich leichter, wenn Sie fünf bis sechs Jahre Zeit haben und nicht so unter Zeitdruck vor den nächsten Wahlen stehen.
Letzte Frage. Die Städtefreundschaft begann bei der Seegfrörni. Der See friert heute kaum noch zu. Wenn er es kommenden Winter doch wieder täte – was würden Sie tun?
Dann begegnen wir uns auf dem See. Wir treffen uns in der Mitte, ich reiche meinem Amtskollegen die Hand – und dann schauen wir mal, ob wir uns da einen Apéro auf unsere Freundschaft gönnen.
Zu Ole Münder und Langenargen
Ole Münder ist seit Anfang 2021 Bürgermeister von Langenargen (D). Die Gemeinde mit rund 7500 Einwohnern am deutschen Bodenseeufer verbindet seit 1963 eine Städtefreundschaft mit Arbon. Entstanden ist sie bei der Seegfrörni desselben Jahres – als die Menschen beider Orte einander auf dem zugefrorenen See begegneten.