Süss und Saurer – Leben auf Rädern
Alice Hofer«Es gibt nichts zu verheimlichen», sagt Max Hasler mit verschmitztem Lächeln: «Ich habe immer darauf geachtet, dass mein Leben lebenswert ist und, dass alles nach rechten Dingen zugeht.» Der 85-Jährige hat wahrhaftig einiges erlebt als «Kilometer-Millionär», «ohne Komplikationen mit der Polizei» und «ohne nennenswerten Zwischenfälle», wie er betont. «In den 1960er-Jahren besass in der Saurer-Stadt Arbon noch lange nicht jede Familie einen Personenwagen. Auch Ferien mit dem Flugzeug waren für den ‚kleinen Mann‘ nicht bezahlbar. So leistete man sich in den Urlaubstagen mal eine Ausfahrt im Car, das waren dann schon Erlebnisse besonderer Art», erzählt er. «Unsere Firma Cars Alpins Neff AG hatte oft solche Touren im Angebot. Am beliebtesten waren die Fünf-Pässefahrten, da hatte man was fürs Geld.»
«Man staunt heute, wie sich ein solcher Arbeitstag damals gestaltete.»
Das waren oft echte Herausforderungen für den Fahrer, auf schmalen Strassen, in engen Kurven – es brauchte die volle Aufmerksamkeit. «Und die Passagiere wurden von mir laufend informiert und unterhalten, was natürlich auch Einfluss hatte aufs Trinkgeld. Es gab im Car weder TV noch Navi, Kühlschrank, Toilette oder Klimatisierung», so Hasler. In jenen Jahren wurde der Nufenen Pass für den Individualverkehr freigegeben, bis dahin war er nur für Armee, Land- und Forstwirtschaft offen. Hasler erinnert sich lebhaft: «Man staunt heute, wie sich ein solcher Arbeitstag damals gestaltete: Um 5 Uhr Abfahrt in Arbon nach Luzern, dann über Brünig nach Meiringen und Grimsel Pass, wo das Mittagsmahl wartete. Unterwegs gab es kurze Pausen für Getränke und WC.» Dann fuhr man via Nufenen Pass durchs Bedrettotal nach Airolo, über den St. Gotthard und Oberalp Pass nach Chur, ins Rheintal zum Abendessen, dann heimwärts an den Bodensee, wo man gegen 22 Uhr die Fahrgäste auslud, um noch eigenhändig den Wagen zu reinigen. Als Chauffeur war man kaum vor Mitternacht zuhause. Dafür am nächsten Tag frei? Nein. Deswegen Beschwerden beim Arbeitgeber? Auch nicht. «Man war kollegial unterwegs und zog am gleichen Strick», erinnert sich Hasler.
Kavalier der alten Schule
Max Hasler blickt auf eine interessante Zeit zurück, die er buchstäblich als «Fahrender» verbrachte. Auch heute noch wird er von Leuten anerkennend angesprochen, denen er vor vierzig Jahren die Hochzeitsfahrt ausrichtete, oder die er in ein Junioren-Feriendorf nach Norditalien begleitete.
«Ich habe zwar neulich den Lastwagen-Führerschein gegen den Rollator eingetauscht, doch ich verstehe wirklich etwas von Fahrzeugen.»
Seine Lieblings-Touren? «Der KTV Arbon veranstaltete jeweils im Januar spezielle Ski-Ausflüge mit Junioren, da waren wir dann mit acht bis zehn Cars unterwegs. Damals gab es noch Schnee und alle waren glücklich. Ich fühlte mich einen Tag lang als Kindergärtner.» Und dann waren da noch die «Landfrauen», die er im Auftrag des Schweizer Farbfernsehens jährlich zu ihren Treffen fahren durfte. Da gab er auch gerne den charmanten Gentlemen und half beim Ein- und Aussteigen über die steilen Stufen des Oldtimer-Wagens. Nach wie vor trifft sich Hasler mit anderen «Haushaltsflüchtlingen», wie sie sich selber nennen, regelmässig im Saurer-Museum. Seine Frau habe mehrmals angeboten, ihm grad das Bett hinzubringen, da er ja ohnehin immer dort sei, erwähnt er schmunzelnd. Als früherer Chef des Museums und Mitglied des Oldtimer-Clubs stellt er sicher, dass alles flott läuft oder repariert wird. «Ich habe zwar neulich den Lastwagen-Führerschein gegen den Rollator eingetauscht, doch ich verstehe wirklich etwas von Fahrzeugen.» Pro Jahr finden rund 500 Museums-Führungen statt, und da ist er natürlich oft mit von der Partie.
Der Rat der Weisen
Und was möchte Max Hasler der heutigen jungen Generation mit auf den Weg geben? «Zuerst mal sich identifizieren mit dem Beruf, und das machen, was man gut kann. Erst dann Forderungen stellen. Und nicht gleich das Handtuch werfen, wenn etwas nicht gelingt!»
Menschen erzählen ihre Geschichten
In der Serie «Lebenslinien» lädt «felix. die zeitung.» die ältere Leserschaft (ab 65 Jahren) zum Gespräch ein. Erzählen Sie uns Ihre Erlebnisse, Einsichten und Weisheiten. «felix.»-Reporterin Alice Hofer besucht Sie gerne in Ihrem Daheim. Die Porträts erscheinen in lockerer Reihenfolge in dieser Rubrik. Wenn auch Sie etwas aus Ihrem Nähkästchen plaudern wollen, melden Sie sich bei uns per Mail an hofer@mediarbon.ch oder telefonisch 071 440 18 30.